Am 25. März 1954 klingelte bei Peter de Mendelssohn in London das Telephon: Ein Pariser Filmproduzent erkundigte sich, ob die Verfilmungsrechte von Mendelssohns kleinem Roman „Schmerzliches Arkadien“ noch zu haben seien. Etwas über neun Monate danach, eben jetzt, ist nicht nur der Film „Marianne de ma Jeunesse“ den Julien Duvivier in zwei Versionen nach jenem Roman gedreht hat, fertig, sondern es liegt auch – Geschwindigkeit ist hier fast Hexerei – das Buch vor, in dem Mendelssohn erzählt, wie es erstens zu den Jugenderlebnissen, die in seinem Roman ihren Niederschlag gefunden haben, wie es dann zweitens zu der Abfassung und Veröffentlichung des Romans, wie es dann drittens zu dem Projekt des Duvivierschen Films und seiner Realisierung, und wie es dann endlich viertens zur Abfassung des Buches gekommen ist, in dem eben dies alles erzählt wird.und das genau in der Mitte den Wiederabdruck des „Schmerzlichen Arkadien“ enthält:

Peter de Mendelssohn: „Marianne. Roman eines Films und Film eines Romans.“ Kindler Verlag, München. 563 S., 25 Abb., 15,80 DM.

Aber nicht nur die Geschwindigkeit, mit der dieser „Roman eines Films“ in der Wirklichkeit abgerollt ist, und niedergeschrieben wurde, grenzt an Hexerei, sondern auch das, was er erzählt.

Welch astronomisch geringer Grad von Wahrscheinlichkeit bestand zum Beispiel für das Zusammentreffen des achtzehnjährigen Strausberger Internatschülers Peter von Mendelssohn, der in München geboren und in Hellerau aufgewachsen war, mit der Berliner Bankierstochter und Schauspielschülerin, die das Urbild der „Marianne de ma Jeunesse“ geworden ist! Da mußte die Dreihundertfeier des märkischen Städtchens kommen, das Festspiel eines Lokalpatrioten und eine ebenso gastfreie wie bohemehaft lebende Familie aus Schwaben, in deren Park die Proben abgehalten wurden. Dann aber mußte die hell lodernde, sehr jugendliche Liebe der beiden „Arkadier“ im gesellschaftlichen Wirbel des Berlin von 1927 ihre Unerfüllbarkeit zeigen, damit das Strausberger Sommeridyll in der sehnsüchtigen Rückerinnerung zu einem „schmerzlichen Arkadien“ wurde. Dann mußte weiter der Plan dieses Buches im allerersten Stadium, als allein der Titel geboren war, von dem impulsiven Reclam-Lektor Ernst Sander zu einem veritablen Auftrag an den Neunzehnjährigen entwickelt werden. Und so geht es weiter, von Zufall zu Zufall. Sander verlangt Änderungen, Mendelssohn bockt und läßt das Manuskript liegen. 1932 schreibt er eine zweite Fassung. Die wird nicht nur von dem „Seeoffizier-Verleger“ Wolfgang Krüger erworben, sondern auch von ihm sogleich nach Paris an Stock verkauft, und als Mendelssohn bei Anbruch des Dritten Reiches emigriert, überläßt ihm Krüger beide Hälften des Honorars für die französische Übersetzung...

Nun aber kommt der Zufall der Zufälle. Eben jene französische Übersetzung von 1933 macht auf den Mann, der heute Duviviers künstlerischer Assistent ist, André Daven, so großen Eindruck, daß er das Buch 1954 Duvivier zur Verfilmung vorschlägt, als dessen Plan, Alain-Fourniers „Le Grand Meaulnes“ auf die Leinwand zu bringen, am Widerspruch von Alain-Fourniers Schwester gescheitert ist. So kommt der für Mendelssohn so überraschende Telephonanruf aus Paris zustande, und so nun in wenigen Monaten der deutsch-französische Gemeinschaftsfilm „Marianne de ma Jeunesse – und dann endlich noch, wie der Schlußstein eines Gewölbes, eine Wiederbegegnung mit dem Urbild der Marianne, mit der der unsichtbare Regisseur auch dem „Roman des Films“ ein schmerzlich-arkadisches Ende gegeben hat. cel.