In den Zeiten vor dem Tausendjährigen Reich war der Kunstkritiker eine angesehene Erscheinung des kulturellen Lebens. Er besaß jene echte Autorität, die nicht auf Unfehlbarkeitsambitionen angewiesen ist und auch bei erwiesener Unberufenheit im Einzelfall dem „Amte“ doch generell zugebilligt bleibt. Man wußte noch von der Notwendigkeit der Kritik, kannte noch den objektiven Wert der subjektiven Meinung, ahnte noch etwas sogar von der möglichen Fruchtbarkeit des Irrtums. Natürlich gab es integre und weniger integre Inhaber dieser Autorität. Es gab Kritiker, die peinlichst jede persönliche Berührung mit den Objekten ihres .Amtes mieden; es gab aber auch solche, die es dem Künstler ankreideten, der es versäumte, durch einen respektvollen Besuch seiner Ehrfurcht vor dem Richter seines Tuns Ausdruck zu geben. Allgemein darf gesagt werden, daß die sauberen Gestalten in der Oberzahl waren; jene nämlich, deren Unbestechlichkeit bis zur Scheu vor jeglicher Künstlerbekanntschaft ging und die es ablehnten, sich irgendeiner Beeinflussung ihres sachlichen Urteils, sei es auch nur durch den „menschlichen Eindruck“ des Künstlers, auszusetzen.

Als die Nazis sich die Begeisterung der Künstler für ihr Regime mit dem Kritikverbot erschlichen, erklärten sie es bekanntlich für die Aufgabe des „Kunstbetrachters“, den Zeitungslesern lediglich mitzuteilen, was der jeweilige Autor oder Interpret „gewollt“ und wie das Publikum darauf reagiert hatte (die dazwischenliegende Spanne zwischen Wollen und Verwirklichen war höflichkeitshalber ausgeklammert). Und damit die Kunstbetrachter und Musikbehorcher authentisch über das„Wollen“ der Künstler unterrichtet werden konnten, wurden sie vor jeder von irgendwem wichtig genommenen Veranstaltung von den Veranstaltern zu einer „Pressebesprechung“ eingeladen (einladen hieß damals soviel wie kommandieren). Hier wurde ihnen denn gesagt, was sie von dem bevorstehenden Kunstereignis zu halten, was sie darüber zu denken und zu schreiben hätten. (Natürlich wurde das nicht so grob ausgesprochen; es wurde alles in schmackhafte Phrasen eingewickelt, mit Kaffee, Kuchen und Zigaretten, gelegentlich auch mit üppigen Gaben des kalten Büfetts dekoriert, was zumal in der Kriegsnotzeit ein starker Anreiz wir.) Und dann der seelisch ergreifende, geistig erhebende Höhepunkt: die diesbezüglichen Meister selbst waren anwesend, ja, sie sprachen zu ihren Betrachtern und Behorchern, sie durften – man denke! – sogar etwas gefragt werden. Es war „Gelegenheit zu einem Gespräch“ mit ihnen...

Das war also in jenen Jahren. Aber wie manche Merkwürdigkeit von dazumal hat sich auch dieser Brauch der „Pressebesprechung“ anläßlich aller möglichen Unternehmungen wie Konzerte, Theaterpremieren und Ausstellungen erhalten. Gleichsam als geschätztes Erbstück einer Epoche, die dem Kunstberichterstatter ja schließlich irgendeinen Ersatzstoff an Stelle einer unerwünschten persönlichen und sachlichen Meinung zur Verfügung stellen mußte. Vielleicht auch bloß aus lieber Gewohnheit oder Weil man es „menschlicher“ findet, den Kritikern die wenigen etwa wirklich unentbehrlichen Informationen, die man ihnen in fünf Zeilen in die Redaktion schicken könnte, persönlich vorzutragen. Wie dem auch sei: die „Pressebesprechung“ floriert, und meist hat es den Anschein, daß dabei die Presse „besprochen“ werden, soll, wie gewisse Wunderärzte Krankheiten „besprechen“. Es geht sogar heute so weit, daß gegebenenfalls selbst die Jury einer Kunstausstellung der Kritik ihre Tips zu geben, den Kritikern die ausgewählten Bilder zu erklären wünscht, bevor zur Eröffnung geschritten wird, wie es auch nichts Ungewöhnliches mehr ist, daß Regisseure den Theaterreferenten in „gemütlichem Beisammensein“ den Sinn des inszenierten Stückes und die Absichten der Inszenierung verständlich zu machen versuchen...

Die Künstler oder die Veranstalter von „kulturellen Ereignissen“ scheinen ganz vergessen zu haben, daß schließlich auch die Kritik nur ein Teil der allgemeinen Resonanz ist, welche zu wecken allein das Ergebnis der künstlerischen Arbeit, nicht der Überredungskunst sein sollte. Was der Künstler „gewollt“ hat, ist für die kritische Bewertung des Vollbrachten gänzlich uninteressant. Ebenso, was die Veranstalter etwa „angestrebt“ haben. Das Gewollte und das Angestrebte sollte ja schließlich aus der dargebotenen Leistung, aus dem Werke zu entnehmen sein. Das jedenfalls ist doch wohl der Zweck jeglicher Kunstübung. Wer sich aber Kritiker nennen darf, wird wohl in der Lage sein, ohne andere Informationen als solche, die ihm sein Wissen und seine Erfahrung ohnehin an die Hand geben, den Wert des Dargebotenen zu bemessen und ihn in das Koordinatensystem der geistigen Zeitlage einzusetzen. A–th