Es war einmal ein Tenor, und der ist Däne. Einst lebte, sang und glänzte er in Berlin. Hermann Göring ernannte ihn zum Preußischen Kammersänger. Als Preußen aufgelöst und Deutschland ein zerrissener Staat war, zog sich des Sängers Höflichkeit nach Dänemark zurück. Dort hängte ihm sein König einen Orden um den Hals: für Verdienste um Dänemark.

In Deutschland räumte man Trümmer und schnüffelte in der Vergangenheit herum. In Wien setzte sich ein fixer Opernmanager über beides hinweg. Er rief die Prominenz: Singet für Österreich! Herr Hilbert wog Kehlengold mit Schillingscheinen auf – aber die enormen Abendgagen für Ausländer blieben steuerfrei. So zog unser Tenor aus Thule zum zweitenmal nach. Süden. Helge Roswaenge wurde Mitglied der Wiener Staatsoper. Von dort nun tönt seine Stimme nach Deutschland; manchmal in der Oper, öfter als Operettengast – Abendgage um 2000 DM-West. Ganz neu aber ist Roswaenges jüngste Rolle: die Stimme der moralischen Entrüstung. Von der Ostberliner Staatsoper rauscht ein Goldstrom auf berühmte Sängernamen zu. Herr Roswaenge ist empört, daß einige Kulturpolitiker meinten, Geld könne auch stinken – nämlich nach Gewalt, für die man mit „Kultura“ Propaganda macht. Herr Roswaenge zückte die Feder und schrieb einen flammenden Artikel. Im Wiener „Bild-Telegraf“ verteidigt er den Ostdrall seiner Kollegen; längst habe man doch aufgehört, sich über Handelsverträge zwischen Ost und West noch aufzuregen, nur Künstler diffamiere man als „Judasjünger“ oder „Dr.-John-Nachfolger“, wenn sie hinter dem Eisernen Vorhang auftreten.

So weit, so gut! Vor einigen Wochen schon ist an dieser Stelle in der ZEIT jene doppelte Moral bloßgestellt worden, die den Händler feiert, aber den Künstler schmäht, wenn sie im anderen Teile Deutschlands Geschäfte machen. Nur war dabei nicht an das Portemonnaie des Herrn Roswaenge gedacht. Der hat nämlich eine politische Phrase in dii falsche Kehle bekommen. Und nun gibt er so penetrant falsche Töne von sich, daß man dem geschäftsflüsternen Tenor doch auf die Finger klopfen muß, die zur spitzen Feder griffen.

Roswaenge behauptet: „Es gibt eine Koexistenz des Theaters.“ Naiv erklärt der Sänger: „Ich kenne keine politischen Künstler.“ (Von Toscani oder Casals, die die Länder ihrer Diktatoren nicht mehr beraten, hat Roswaenge wohl nie etwas gehört.) Im gleichen Satz reitet der politisch scheinbar so indolente Tenor aber eine höchst politische Attacke: „Ich glaube, daß wir unpolitischen Künstler in diesen Sinne (gemeint ist die „Koexistenz“) eine menschliche Mission zu erfüllen haben – ähnlich den beliebten Fußballern und anderen Sportlern, wenn sie hinter dem ‚Eisernen‘ spielen.“ Gescheit ein Tenor, bemerkt der Wiener Sänger aus Dänemark nicht, welches deutsche Porzellan zerschlägt. Denn so lange die Koexistenz als politische Notlösung gilt, werden Ost- und Westdeutschland schwerlich wieder vereinigt.

Aber es kommt noch deutlicher. Triefend von Mitleid, stellt sich der internationale Star vor seine gescholtenen Kollegen in Deutschland: vor Margarethe Klose, der vom Westberliner Opernintendanten Ebert ein sehr guter Vertrag, aber nicht jene Rollen angeboten wurden, die nach Eberts künstlerischem Urteil dieser Sängerin nicht mehr anstehen; vor Günther Treptow, „der erfahren mußte, da? sein Reengagement für die Wiener Staatsoper nicht mehr in Frage kommt“; vor Josef Metternich, der, wenn er nicht in New York singt, in Berlin dort auftreten möchte, wo „seine Frau seit Jahren als geschätztes Mitglied verpflichtet ist“, an der Ostberliner Staatsoper. Nur in einem Fall scheint der ach so soziale Roswaenge kein Herz zu haben: bei Josef Herrmann, dem ehemals Dresdner Heldenbariton. „Als Entschuldigung läßt man bei ihm gelten“, schreibt Roswaenge als Vorwurf gegen den Westen, „daß er in Dresden noch Hausbesitz hat – für Kapitalisten hat man ja ein Herz!“

Das, Herr Roswaenge, geht über die Hutschnur. Lassen wir den aus anderen Gründen peinlichen Fall Herrmann beiseite – „Kapitalist“ ist Roswaenge stets nicht nur als Sänger gewesen, er hat Geschäfte auch mit der nationalsozialistischen Staatsführung in Deutschland gemacht, die ganz und gar außerkünstlerischer Natur waren. Sein ungarischer Schwiegervater hatte ein Brotmehl „erfunden“, das aus einer Mischung von Kartoffel- und Getreidemehl bestand. Dieses bot Roswaenge Göring für den Vierjahresplan der deutschen Autarkiewirtschaft an. Es sollte in großen Mengen hergestellt werden und die Einfuhr entlastep. Der Sänger Roswaenge errichtete und betrieb in Berlin eine Mehlfabrik. Dafür brauchte er zunächst erhebliche Summen. Seine Gage an der Berliner Staatsoper kletterte auf eine Höhe, die niemand vor ihm erreicht haben soll. Das Autarkiemehl wurde über den Opernetat Görings finanziert, und die Generalintendanz bestimmte schließlich selbst die auswärtigen Gastspielgagen ihres teuren Sängers und zog sie ein.

Der beflissene Beitrag des dänischen Tenors zur deutschen Agrarpolitik mit einer ungarischen Mehlmischung wirkte sich in gesellschaftlicher Reputation aus. In jenem Festspieljahr, als Roswaenge versuchsweise in Bayreuth den Parsifal sang, seine Frau Ilonka Holndonner einen Gralsträger mimte und ihr kleiner Sohn den Herzog Gottfried im „Lohengrin“ stellte, hatte sich die komplett engagierte Familie Roswaenge gleich mit einem Haus in der Festspielresidenz der braunen Führerschaft angesiedelt. Schlicht stellte die offizielle Fremdenliste über die Wohnungen der Gäste fest: „Adolf Hitler – Haus Wahnfried; Hermann Göring – bei Roswaenge.