DIE ZEIT

Karl Marx würde staunen

Die „westliche“ Welt von heute, die die Lehren von Karl Marx zum alten Eisen geworfen hat, ist marxistischer als sie glaubt; ja, sie deckt sich recht genau mit dem Bild, das Marx vor hundert Jahren von einer zukünftigen Gesellschaft entwarf.

Experiment Bulganin

Zweier Verfehlungen klagte sich Malenkow selber vor dem Obersten Sowjet an: Er sei verantwortlich für die „unbefriedigende Lage in der Landwirtschaft“, und er habe nicht erkannt, daß nur eine Weiterentwicklung der Schwerindustrie die notwendigen Bedingungen schaffe „für einen wirklichen Aufschwung der Produktion aller erforderlichen Massengüter“.

Wiederum „entartet“

In Hannover, in der Kestner-Gesellschaft, sind Werke von Hans Arp ausgestellt. Der Kunstkritiker M.-M.Manfried der „Deutschen Stimmen“, die der DP nahestehen sollen, hat über sie eine böse Kritik geschrieben.

„Verpaßte Gelegenheit“

Die Fähigkeit zum Verpassen von Gelegenheiten wird niemand dem Westen abstreiten wollen. Aber um sie zu verpassen, muß eine Gelegenheit auch da sein.

Hessische Pensionen

In Hessen gibt es ein Gesetz über die Bezüge und Pensionen der Minister. In ihm wird bestimmt, daß eine selbständige oder unselbständige Berufstätigkeit außerhalb des öffentlichen Dienstes auf die Höhe der Pensionen bis zu zehn Jahren angerechnet werden kann.

„Wie die Alten sungen...”

Wiedervereinigung – noch eine Chance?“ stand über dem Plakat, das an vielen Straßenecken aufgestellt war. Die zackige schwarzrotgoldene Grenze, die den hellen bundesrepublikanischen Teil Deutschlands vom dunklen östlichen abschnitt, deutete auf Alarm.

Kalender der Monotonie

Soll die sich immer mehr standardisierende Welt nun auch ihren Kalender standardisieren? Ein Vorschlag der Vereinten Nationen, der sämtlichen Regierungen der Welt zur Stellungnahme unterbreitet wurde, und 211 welchem sich die Bundesregierung bis zum Mai? äußern soll, zielt darauf.

ZEITSPIEGEL

Über die von der SPD veranstaltete Unterschriftensammlung zu dem Paulskirchen-Manifest gegen die Pariser Verträge berichten die „Ruhr-Nachrichten“ aus Dortmund, daß dort bei den Einschreibestellen keine Ausweise verlangt werden.

Am Halse gehenkt...

Möge niemals; wieder ein englischer Innenminister das Gefühl haben müssen, daß er, wiewohl er sein Bestes tat und niemand ihn fahrlässig oder unfähig schelten würde, dennoch einen Menschen, der in Wahrheit im Sinn der Anklage nichtschuldig war, an den Galgen geschickt hat.

Was sonst noch geschah

Nachdem der russische Außenminister Molotow den Wortlaut seines der britischen Regierung Anfang Februar unterbreiteten Vorschlages für eine Zehn-Mächte-Konferenz über Formosa vor einigen Tagen über den Moskauer Rundfunk verbreiten ließ, hat nunmehr auch die britische Regierung ihre Antwort auf diesen Vorschlag bekanntgegeben.

Dietrich und der Herr der Welt

Körperlich so klein, ist Dr. Dietrich doch ein hervorragend geschickter Fachmann. Er schreibt nicht gut, aber seine Reden sind oft ganz ausgezeichnet.

Noch ein Grundgesetz!

Als einen Waffenstillstand, der auf Kosten der Verbraucher; der Arbeitnehmer und der Steuerzahler gehe, hat der SPD-Wirtschaftsdienst die zwischen den Spitzenverbänden der Industrie und der Landwirtschaft getroffene Übereinkunft in Sachen der Paritätsgesetzgebung bezeichnet.

Schule ohne Raum

Das Unbehagen an der deutschen Schule wird heute einhellig empfunden. Der Verfasser unseres Beitrags, Leiter eines großen Gymnasiums in Hannover, lenkt die Aufmerksamkeit auf den wirklichen Krankheitsherd hin.

Die Schauspielkunst am Scheidewege

Wenn Werner Krauß zum erstenmal das Kostüm für eine neue Rolle anprobiert, stellt er sich vor den Spiegel und prüft das Bild, das sich ihm dort zeigt: glaube ich dem da, daß er der Schuster Voigt ist oder der John Gabriel Borkman? „Erst wenn ich selbst die Illusion habe, einem anderen im Spiegel gegenüberzustehen, erst dann kann ich diesen anderen wirklich ‚spielen‘.

Gelegenheit zu einem Gespräch

In den Zeiten vor dem Tausendjährigen Reich war der Kunstkritiker eine angesehene Erscheinung des kulturellen Lebens. Er besaß jene echte Autorität, die nicht auf Unfehlbarkeitsambitionen angewiesen ist und auch bei erwiesener Unberufenheit im Einzelfall dem „Amte“ doch generell zugebilligt bleibt.

Satan und die Dichter

In seinem Vorwort zu den von ihm entdeckten „Vertraulichen Aufzeichnungen und Bekenntnissen eines gerechtfertigten Sünders“ von James Hogg spricht André Gide von der „List des Teufels, uns klarmachen zu wollen, daß es ihn nicht gibt“.

Der Turm zu Babel

Schweden hat einen neuen bedeutenden Dramatiker bekommen. Hinter dem Pseudonym Lars Helgesson verbirgt sich der Texter eines Reklamestudios.

Begegnung mit Hans Arp

In Weimar lehrte an der Akademie im Jahre 1904 Ludwig von Hofmann, der zu den Begründern der Berliner Sezession gehörte. Henry van de Velde hatte eine Kunstgewerbeschule gegründet, nachdem der Graf Harry Kessler seinen Regimentskameraden, den Großherzog Ernst von Sachsen-Weimar, zu diesem Schritt bewogen hatte.

Kümmert euch um die Wahrheit!

Am 17. Februar wird Romano Guardini siebzig Jahre alt. Seine philosophischen Zeitdiagnosen und seine Deutungen großer Dichtwerke (Dante, Hölderlin, Rilke) haben ihn weit über die Kreise der Universität hinaus bekannt gemacht, die ihn zu ihren bedeutendsten und wirkungsmächtigsten heutigen Lehrern zählt.

Keine Jugendrevolte - was nun?

In der Tat, viele Gutmeinende aus der älteren Generation sind ratlos angesichts einer Jugend, die sich nicht zusammenschließt, um gegen die Alten ihr Jugendreich zu bauen.

Notizen zur Kunst

Jedes Bild beginnt mit Abstraktion. Die Verteilung des Bildvorganges auf das Viereck der Fläche wandelt die konkreten Dinge der Außenwelt in ein Koordinatensystem um.

Angst vor Festen

Raimund, ein Mann in den Dreißigern, war früher gern auf Feste gegangen; jetzt fürchtete er sich davor. Daß ein Festgast kleine Risse in der Haut oder in der Jacke heimbringt, ist nichts Besonderes – es rechnet als Zubuße.

Hamburg: Kirche steht im Wege

Die nach ihrer Zerbombung im Jahre 1943 mit Hilfe amerikanischer Mittel wiederaufgebaute Paulus-Kirche in Hamburg-Altona soll abgerissen und an anderer Stelle neu errichtet werden.

Bayern: Wehrfreudigkeit

Die Briefkästen der deutschen Bundestagsabgeordneten und Politiker füllen sich in den letzten Tagen mit Zuschriften für und wider die Wiederaufrüstung.

Hessen: Briefgeheimnisse

Das Briefgeheimnis ist zwar nach dem Grundgesetz unverletzlich, aber dem Staatsbürger, der es verteidigen will, darf nicht jedes Mittel recht sein.

Baden-Württemberg: Die südlichsten Preußen

850 Preußen flehen darum, in den bayerischen Staat aufgenommen zu werden. Dieser alarmierende Zustand ist zwar schon hundert Jahre alt, aber die Bewohner von Achberg, einer dreizehn Quadratkilometer großen hohenzollernschen Enklave am Bodensee, bitten heute noch ebenso dringend und unerhört um den Anschluß an das acht Kilometer entfernte bayerische Lindau, wie vor hundert Jahren.

Schleswig-Holstein: Die Pest von Sylt

Dem nachhaltigen Schrecken, der die Bevölkerung der Insel Sylt über die von dem dänischen Tanker Gerd Maersk (12 184 BRT) verursachte „ölsuppe“ auf ihrem herrlichen Strand zunächst befiel, ist gemäßigte Zuversicht gefolgt.

Mecklenburg: Ohne den Ochsenkopf?

Wie man aus Westberlin hört, hat dort ein Professor Münchheimer in der „Hochschule für Politik“ erklärt, es könne bei den von der Sowjetzonenregierung geschaffenen zwölf „Bezirken“ nach einer Wiedervereinigung natürlich nicht bleiben.

Photographie – international

Die Kunstphotographie, die mit malerischen Dekorationen, mit Plüschhintergründen und dekorativen Posen arbeitete, gilt heute als ein Irrtum der Photographen.

Fast Hexerei

Am 25. März 1954 klingelte bei Peter de Mendelssohn in London das Telephon: Ein Pariser Filmproduzent erkundigte sich, ob die Verfilmungsrechte von Mendelssohns kleinem Roman „Schmerzliches Arkadien“ noch zu haben seien.

Die Kunst unserer Zeit

Man hat sich daran gewöhnt, daß Kunstbücher überhaupt, insbesondere aber Bücher über die Kunst unserer Zeit, die im Buchhandel Erfolg haben, in erster Linie Bilderbücher sind.

Berlin hätte wieder das Nachsehen...

Ein bekanntes Berliner Unternehmen der Baustoffindustrie war nach Kriegsende von den Sowjets total demontiert worden. Das war ein Unglück, das es mit dem größten Teil der Berliner Industrie teilte.

Monnet noch im Amt

Präsident Jean Monnet hat seinen Wunsch, die Pferde zu wechseln, noch nicht realisieren können. Die französische Regierungskrise, die mit der Suche nach einem Nachfolger auf dem Präsidentenposten der Hohen Behörde zusammenfiel, hat zu einer kurzfristigen Verlängerung der am 9.

Sechsprozentige

Der Start in die neue Kapitalmarktära muß mit dem 6v.H.-Pfandbrief erfolgen, sonst geht die Rechnung der Hypothekenbanken nicht auf.

Von Staat zu Staat

In letzter Zeit ist viel von Reprivatisierung die Rede. Der Staat – im deutschen Fall: der Bund und die Länder – sollen sich tunlichst nicht privatwirtschaftlich betätigen.

Ägypten hat sich gefangen

Seit der Revolution des Jahres 1952 konnten die jeweiligen Finanzminister des neuen Regimes, ungestört von unfachlichen Eingriffen aus politischen oder propagandistischen Motiven, an der Sanierung der vor der Revolution äußerst prekären Finanzlage Ägyptens arbeiten.

Platzwechsel in Athen

Das leitende Generaldirektorium der Bank von Griechenland, der Notenbank in Athen, wird in Kürze Prof. Xenophon Zolotas zum neuen Gouverneur der Bank ernennen.

Autark

Schon 1955/56 wird Australien seinen Bedarf an Treibstoffen (einschließlich für Düsenflugzeuge) und anderen Petroleumprodukten unabhängig von der Einfuhr decken können.

Ohne Straßenbahn

Vor kurzem haben die Londoner ihre letzte Straßenbahn feierlich zu Grabe getragen. Über ein halbes Jahrhundert lang hatte sie ihre Pflicht getan, aber die Gesetze des modernen Großstadtverkehrs sind unerbittlich.

Flucht in den Boden

Die Entwicklung auf dem schweizerischen Kapitalmarkt wird nach wie vor stark durch die unerwartet großen Kapitalakkumulationen bestimmt, die aus dem Versicherungsgeschäft stammen.

Rohstofftendenz der Woche

Auch während der Berichtswoche tendierte die überwiegende Anzahl der hier notierten Waren (wie bereits in der Vorwoche) zur Schwäche, obwohl während der Berichtswoche Ereignisse, wie der Rücktritt Malenkows und Mendes-France, eingetreten sind, die bei der gegenwärtig angespannten, allgemeinen weltpolitischen Lage nach bisherigen Erfahrungen eher eine Preisfestigung hätten erwarten lassen.

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