Die „westliche“ Welt von heute, die die Lehren von Karl Marx zum alten Eisen geworfen hat, ist marxistischer als sie glaubt; ja, sie deckt sich recht genau mit dem Bild, das Marx vor hundert Jahren von einer zukünftigen Gesellschaft entwarf. Die „östliche“ Welt dagegen, die auf die Marxschen Theorien schwört, trägt heute genau diejenigen Züge, die Marx als Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaft seiner Zeit erkannte.

In diese beiden auf den ersten Blick so paradoxen Thesen münden die Forschungen, deren Ergebnisse Siegfried Landshut, der Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaft der Politik an der Hamburger Universität, in einem Vortrag bei der „Akademie für Gemeinwirtschaft“ zusammenfaßte. Dem Propheten der Revolution hat, so konnte Landshut zur Verblüffung seiner Zuhörer zeigen, die „List der weltgeschichtlichen Vernunft“ (wie Hegel es nannte), einen grandiosen Streich gespielt: seine Voraussagen einer neuen Ordnung sind dort in Erfüllung gegangen, wo die Revolution – gegen seine Erwartung – ausblieb; dort aber, wo die Revolution stattfand, hat sich eben der Zustand hergestellt, für dessen Überwindung nach Marx der gewaltsame Umsturz das einzige Mittel sein sollte ...

Um zu verstehen, wie Wahrheit und Irrtum so ihre Stellen vertauschen konnten, ist es nötig, an diejenige Erscheinung zu erinnern, die Marx hellsichtig erkannt und mit einem Hegeischen Wort als „Selbstentfremdung“ beschrieben hat: Seitdem die Menschen nicht mehr, wie in der Urfamilie, nur für den eigenen Verbrauch produzieren, sondern sich in die Arbeit für eine größere Gruppe teilen und ihre Produkte austauschen – seitdem hat sich zwischen die Menschen und das, was sie schaffen, eine eigentümliche, zugleich menschliche und unmenschliche „Mittelwelt“ gestellt – menschlich, weil, wie Marx sagt, „unter den Menschen die disparatesten Talente einander nützlich sein können“, während ein Tier „nicht den geringsten Nutzen von der Verschiedenheit der Talente beziehen kann, welche die Natur unter seinesgleichen verteilt hat (zum Beispiel der Hofhund mit seiner Stärke keinen Nutzen von der Leichtfertigkeit des Windhundes)“ ;unmenschlich, weil das System der Arbeitsteilung „die Fähigkeit eines jeden, individuell genommen, beraubt und vermindert“, indem sie jeden einzelnen vom Ganzen abhängig macht und ihn auf vermittelnde Apparaturen, wie Geld, Markt, Gesetze, Regierungen, kurz, auf „die Verhältnisse“ angewiesen sein läßt.

Zahl und Kompliziertheit dieser Apparaturen haben sich seit der Zeit des jungen Karl Marx ins Unübersehbare vermehrt. Die Bürokratie, die anonymen Verbände, die „motorisierten Gesetzgeber“ – alles setzt dem Menschen in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts so sehr zu, daß Kafkas Romane mit ihrem Alpdruck als exakte Schilderungen der heutigen Realität wirken. Westliche und östliche Welt machen hierin keinen Unterschied. Sie bestätigen beide die Richtigkeit der Marxschen Beobachtungen aus der Frühzeit der industriellen Revolution.

Nun aber glaubte Marx, eine allerletzte Revolution, die „proletarische“, könne ein für allemal jene Mittelwelt beseitigen und die auf der Höhe des technischen und wirtschaftlichen Aufstieges angelangte Menschheit in einen zweiten Urzustand zurückführen, in dem „jeder nach seinen Fähigkeiten“ produziert und „jeder nach seinen Bedürfnissen“ empfängt. Dieser Glaube war seine Heilslehre, und auf ihr beruht die russische Revolution von 1917. Was jedoch hat sich wirklich begeben?

In der westlichen Welt (so skizzierte es Siegfried Landshut) befindet sich die „Klassengesellschaft“ im Stadium der Zersetzung. An Stelle des Gegensatzes von kapitalistischem Unternehmer und Proletarier ist mehr und mehr der Einheitstyp des common man getreten. Wie würde Marx staunen, wenn er heute sehen könnte, wie auf der Tribüne eines Sportplatzes bei einem Fußballkampf der Generaldirektor neben seinem Portier sitzt – ein uns längst geläufiger Anblick. Alle mit dem „Kapital“ verbundenen Privilegien sind im Abbau begriffen, und das „Privateigentum an den Produktionsmitteln“ – für Marx der Schlüssel zur Revolution – ist ganz ohne Revolution zum anonymen Eigentum kleiner Aktionäre geworden, das von „Managern“ verwaltet wird.

Und wo ist der „ideologische Überbau“ geblieben, der sich nach Marx über der „Basis“ der kapitalistischen Klassengesellschaft erhebt? Wo hört man noch die Rechtfertigung des Reichtums aus religiösen Vorstellungen, wo die Begründung von Vorrechten aus göttlicher Ordnung? Wo wird die christliche Lehre noch als „Opium des Volkes“ ausgeteilt, das sich mit gottgewollter Besitzlosigkeit abzufinden und den herrschenden Klassen ihre Güter zu vermehren habe? Wo ist der Philosoph, der, wie Hegel, die Monarchie aus der Idee des Weltgeistes ableitet und den streng nach Klassen geordneten Staat als „Wirklichkeit der sittlichen Idee“ verkündet?