w. s., Hamburg

Die nach ihrer Zerbombung im Jahre 1943 mit Hilfe amerikanischer Mittel wiederaufgebaute Paulus-Kirche in Hamburg-Altona soll abgerissen und an anderer Stelle neu errichtet werden. Die Stadtplanungsbehörde hat festgestellt, daß Gotteshaus, Pastorat und Küsterwohnung einer im ersten Bauabschnitt vollendeten Ausfallstraße, die den Lkw-Güterverkehr vom Hafen übernehmen soll, im Wege stehen. Man verlangt, daß die in Bogen um das vorspringende 5000 Quadratmeter große Kirchengelände vorbeiführende alte Straße begradigt und auf 38 Meter verbreitert wird. Die Verlegung lenkt die zukünftige Fahrbahn mitten durch das Kirchenschiff.

Bedingungslos erteilte die Baubehörde 1946 die Genehmigung zum Wiederaufbau der Kirche. Ungestört arbeiteten die Bauhandwerker van 1947 bis 1951. Kurz danach erbat die Gemeinde eine Nachtragsgenehmigung für den Bau einer Zweizimmer-Küsterwohnung über dem Kirchenportal. Obwohl kein neuer Baugrund in Anspruch genommen wurde, machte die Behörde diesmal Schwierigkeiten, erklärte sich aber schließlich bereit, die Bauerlaubnis auf Widerruf zu erteilen. „Falls die Stadtplanung es für notwendig erachtet, muß die Küsterwohnung wieder abgebrochen werden“, hieß es in dem Schreiben.

Um das Ausfallstraßenprojekt vollenden zu können, nahm die Behörde die Widerrufseinschränkung zum Anlaß, Anspruch auf das ganze Kirchengelände zu erheben. Obwohl man seinerzeit nichts gegen das durch die Zeitumstände bedingte langsame Bautempo einzuwenden hatte, wirft man heute der Gemeinde eine einjährige Bauunterbrechung vor, die die erteilte erste Baugenehmigung ungültig mache. Die Gemeinde, so sagt man, habe es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie jetzt für die Abbruchskosten und den zweiten Wiederaufbau allein aufkommen müsse.

Der Kirchenrat bestreitet die einjährige Bauunterbrechung. Kein Tag während der dreijährigen Bauzeit sei ohne Handwerker gewesen. Der Staat sei verpflichtet, die Kosten für den Abbruch und den zweiten Wiederaufbau in voller Höhe zu tragen. Außerdem habe er einen Bauplatz zur Verfügung zu stellen, der für die Kirchengänger günstig liegt.

Der Betrag, um den es geht, ist keine Kleinigkeit. Der Wiederaufbau der 450 Personen fassenden Kirche in ihrer gegenwärtigen schlichten Form würde 400 000 Mark kosten. Hinzu kommen die Kosten für ein neues Pastorat und eine Küsterwohnung. Soviel Geld kann die kleine Gemeinde unmöglich aufbringen. Die Amerikaner, die beträchtliche Mittel für den Bau hergaben, sind am Ausgang dieser Affäre nicht uninteressiert. Die amerikanische Zeitschrift Life kümmert sich bereits um den Fall „Paulus-Kirche“.

Die Behörden dagegen glauben sich noch im Recht: Man habe 1947 noch nichts von einer über das Kirchengelände zu führenden Ausfallstraße gewußt. Die Stadtplanung sei erst 1950 zu dieser Festlegung gekommen. Hätte man die Entwicklung vorausgesehen – nie wäre die Bauerlaubnis erteilt worden.