Von Josef Pieper

Am 17. Februar wird Romano Guardini siebzig Jahre alt. Seine philosophischen Zeitdiagnosen und seine Deutungen großer Dichtwerke (Dante, Hölderlin, Rilke) haben ihn weit über die Kreise der Universität hinaus bekannt gemacht, die ihn zu ihren bedeutendsten und wirkungsmächtigsten heutigen Lehrern zählt. 1952 erhielt Guardini den Friedenspreis des Buchhändler-Börsenvereins (vgl. DIE ZEIT 1952, Nr. 40).

Sie können es nicht wissen, hochverehrter Romano Guardini, wie oft ich zwischen meinem sechzehnten und meinem, sagen wir, dreiundzwanzigsten Lebensjahr zu Ihren Füßen gesessen habe – auf Rothenfels am Main zuerst und später in in den Auditorien und im Seminar der Universität Berlin. Sie können es nicht wissen, weil ich jene sieben Jahre hindurch ein konsequent wortloser Zuhörer geblieben bin, mit neidlosem Respekt auf den Kreis derer blickend, die mit Ihnen so einfachhin über Kierkegaard, über Dostojewskij oder über sonst eines der vielen uns bewegenden „Probleme“ zu reden wagten. Erst sehr viel später, nachdem ich selbst schon einige opuscula an den Tag gebracht hatte, sind wir dann einander begegnet, zum erstenmal von beiden Seiten einer dem anderen. Doch wenn Ihnen der ehedem mit so großer Inständigkeit Zuhörende unkenntlich geblieben ist, so weiß ich meinesteils, wie mir eben in diesem Augenblick überraschend deutlich wird, nicht mehr anzugeben, wovon eigentlich damals im einzelnen die Rede gewesen ist welche Feststellung Sie hoffentlich nicht grämt. Mir scheint gerade dies darauf hinzudeuten, wie intensiv ich Ihr Wort in mich aufgenommen haben muß: es ist so gänzlich in die Mutterlauge eingegangen, aus der dann, wenn es mit rechten Dingen zuging, einmal ein Eigenes an Einsicht entstehen sollte, daß seine „Herkunftszeichen“ (sozusagen) in diesem Vorgang der Einverleibung sich wie etwas nicht zur Sache Gehöriges aufgelöst haben und verlorengegangen sind. Ich glaube, Sie würden mir darin zustimmen: der Lehrende lehrt am erfolgreichsten dann, wenn der Hörende die Lehre so sehr zu eigen gewinnt, daß er ihre Herkunft und damit den Lehrenden vergißt. Und ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich nicht aus Ihrem Munde zum erstenmal das großartige Wort gehört hätte: „Kümmert euch nicht um Sokrates, kümmert euch um die Wahrheit.“

Heute aber möchte ich von einem Augenblick sprechen, der mir, obwohl er über dreißig Jahre zurückliegt, völlig deutlich im Gedächtnis steht. Es ist ein einziger Satz aus einer Ansprache im Rothenfelser Rittersaal, die Sie, glaube ich, sogar improvisiert hatten, zu Goethes Geburtstag, am 28. August also, des Jahres 1924 – es ist ein einziger Satz, der mir mit einem Schlage die Welt verwandelt hat. So spricht die vorangestellte Goethesche Formulierung sehr genau die auch mir widerfahrene „bedeutende Fordernis“ aus.

Ich frage mich, ob uns wohl jemals wieder so bewegende, in den Grund der Seele dringende Erkenntnisse zuteil werden, wie wenn wir, zwanzig Jahre alt, dem Worte eines geliebten und verehrten Lehrers zuhören. Jene Stunde freilich war auf besondere Weise von allen guten Geistern gesegnet; Sie selber haben später von der Goethefeier wie von etwas besonders Geglücktem gesprochen. Übrigens war nicht nur von Goethe die Rede, sondern auch von Thomas von Aquin und von dem, was den beiden gemeinsam sei: der Geist des „Klassischen“. Ich hatte mich damals mit Begeisterung in die Summa theologica hineingelesen, in deren zweiten Teil vor allem, der die Fundamente einer ethischen Lebenslehre enthält. Schon hatte ich der Plan gefaßt, einen bestimmten Grundgedanken dieser Lehre vom Richtigsein des Menschen darzustellen, ihn in einer eigenen Arbeit zu interpretieren. Meine Professoren waren skeptisch; ich solle mich verständigerweise auf ein weniger weitläufiges, am besten auf ein historisches Thema begrenzen, das dann auch in absehbarer Zeit bewältigt werden könne. Doch ich blieb verstockt. Ich wollte den Zipfel, der mir äußerst wichtig erschien, den ich freilich noch nicht recht zu fassen bekommen hatte, ich wollte diese kristallische Struktur, die ich, höchst undeutlich noch, im Flüssigen sich bilden sah, mehr ahnte als sah – ich wollte dies um keinen Preis aus dem Griff und aus den Augen lassen. Und was nun geschah, als ich Sie sprechen hörte, nein, als ich diesen einen Satz vernahm, das war nichts anderes als eben dies: der Kristall schoß im Nu zu klarer Gestalt zusammen!

Der Wortlaut dieses einen Satzes – ja, ich muß es wiederum bekennen, er ist mir trotz allem nicht mehr gegenwärtig; ich könnte ihn nicht aus dem Gedächtnis wiederholen. Und das Heft der „Schildgenossen“ mit dem Bericht über jene Tage auf Rothenfels ist mir nicht zur Hand. Was aber der Satz gemeint hat und was ich niemals vergessen werde, ist das Folgende: Alles Sollen gründet im Sein; das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße; wer das Gute wissen und tun will, der muß seinen Blick richten auf die gegenständliche Seinswelt; nicht auf die eigene „Gesinnung“, nicht auf das „Gewissen“, nicht auf die „Werte“, nicht auf eigenmächtig gesetzte „Ideale“ und „Vorbilder“; er muß absehen von seinem eigenen Akt und hinblicken auf die Wirklichkeit.

Übrigens sind diese Formulierungen Zitat, Selbstzitat. Es sind die Sätze, mit denen meine erste Arbeit beginnt, die zu schreiben ich nunmehr in den Stand gesetzt war – „durch ein einziges Wort“ von Ihnen.

Hierzu noch eine Nachschrift, eine Art Coda: Wie kommt es, daß man bei der Niederschrift einer solchen persönlichen Reminiszenz hierzulande einen gewissen Widerstand in sich selbst überwinden muß, als tue man etwas Genierliches, Unsachliches, mindestens etwas sehr Überflüssiges? „In einem andern Land“ scheinen wir diese Hemmung nicht zu verspüren. Als ich kürzlich aus Amerika ein bibliographisch-biographisches Handbuch zugesandt bekam, fand ich darin, zu meiner eigenen und für eine Zehntelsekunde fast unwilligen Überraschung, diese ganze Geschichte erzählt: The plan to his first book was born during a lecture on Goethe and Thomas Aquinas given by. Romano Guardini at the Jugendburg Rothenfels on the Main in 1924; the lecture was entitled „About Classical Spirit“. Woraus zu entnehmen ist, daß ich die gleiche Begebenheit, die mir „hierzulande“ nur zögernd aus der Feder will, „drüben“ frischweg erzählt haben muß.