Von Conrad Westpfahl

Das Bild muß als sinnlich wesendes Ding die Sinne berühren, ehe es die Seele bewegen kann. Mit dem Verstehen beginnen wollen, ist Narrheit.

Jedes Bild beginnt mit Abstraktion. Die Verteilung des Bildvorganges auf das Viereck der Fläche wandelt die konkreten Dinge der Außenwelt in ein Koordinatensystem um. Dieses System, das das einzelne in ein Gesamt aufnimmt, kann nur aus schöpferischen Impulsen errichtet werden. Nach dieser Errichtung erst fällt die Entscheidung, ob das Beziehungssystem wieder in ausgeführte Einzelheiten aufgelöst werden soll oder ob der schöpferische Impuls weiterdringt und das Beziehungssystem selbst zum Bildwesen werden läßt. Nur im letzteren Falle wird Kunst das Reich geistiger Aspekte und das Bild ein Hinweis auf die Ordnung der Überwelt.

Den alten Meistern waren die Gegenstände Gegenstände der Schöpfung, Wunder des lebendigen Gottes. In den Gegenständen feierten sie die universale Beziehung. Diese Beziehung ist nicht als Außenwelt beobachtbar, sie gibt nicht meßbare, begreifbare Dinge. Die Schöpfung als Reich begreifbarer Dinge mißverstehen, heißt, die Gestalt um den lebendigen Atem bringen, sie zu Zwecken mißbrauchen.

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Die natürliche Welt ist eine offene Welt, die Bilderwelt ist geschlossene Welt. Der Zeitstrom der Bildwelt fließt in sich zurück, die meßbare Zeit des Natürlichen fließt vorüber.

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Alle Abweichungen von den naturhaften Formen der Außenwelt sind Deformationen, die der Einbruch des Zeitstroms erzwingt. Der dynamische Charakter der Zeit als Dimension muß den statischen Charakter des dreidimensionalen Vorstellungsraumes aufheben.