Die Berichterstattung über die Tendenz an den Aktienbörsen erfolgt überall auf der Welt nach de Usance, jeweils Angebot und Nachfrage weniger zu schildern (oder auch: nach wirtschaftliche Gesichtspunkten zu analysieren), als vielmehr zu motivieren — und zwar vorzugsweise mit der Beuteilung aktueller politischer Entwicklungen seitens der Börsianer ("der Hochfinanz") zu motiviere. Dabei kommt es dann häufig genug zu recht gewaltsamen Deutungen. Anstatt zu berichten, daß d westdeutschen Börsen am 8. Februar, als Malenkows Rücktritt bekanntgeworden war, auf diese verspätet eintreffende — Nachricht kaum mehr reagieren konnten, haben einige professionelle Beo achter die Tatsache, daß bei Börsenbeginn größere Kauforders vorlagen (und zu Kursbefestigun? führten), dahingehend umfrisiert, daß nun von "Meinungskäufen" die Rede war, und zwar soL diese (angeblich) auf Grund der Überlegung erfolgt sein, die westdeutsche Aufrüstung werde n doch schneller kommen, als bisher erwartet. Wie falsch diese Deutung war, zeigte schon am riä<. sten Tage die völlig stille Tendenz. Darüber hinaus erscheint es uns nicht nur politisch unklug, sc dem auch sachlich durchaus unbegründet, wenn jede irgendwo in der Wirtschaft auftretende Nachfn belebung gleich auf "Rüstungsgewinnerwartungskäufe" zurückgeführt wird, die angeblich allen Positionen zugrunde liegen sollen. In Wirklichkeit lind die Motive für Meinungskäufe ja % verschiedener Art — wie im folgenden an einigen extremen Beispielen gezeigt wird —, und übera sind Meinungskäufe ja auch nur insoweit mögliches ausreichende liquide Mittel dafür vorhanden sine. TTin bezeichnendes Beispiel dafür, wie wenig E JS ach verstand bisweilen die sogenannten "Ankgekäufe" am Aktienmarkt und damit die Kurssteigerungen veranlaßt, hat kürzlich die "Frankfurter Allgemeine" in einer kritischen Glosse gelefert. Da wurde geschildert, wie plötzlich eine rege Nachfrage nach Aktien bekannter Werke einsetzte, deren Kurse auf 32 und 36 v. H "zurückgeblieben" waren — wobei die offenbar recht venig sachkundigen Käufer nur leider völlig übersahen hatten, daß die betreffenden Werte noch in IM notiert wurden, und daß nach erfolgter DMUmstellung dem Kurs von 32 ein Stand von 160 v. H, dem von 36 ein Stand von 180 v. H. entsprochen haben würde.

Ähnliche Beispiele kann wohl jeder von uns aus gelegentlichen Unterhaltungen mit Bekannten berichten, die jetzt plötzlich Geschmack daran gefanden haben, "Börsenpublikum" zu spielen und interessante" (d h bisher ihrer Meinung nach vernachlässigte) Werte zu entdecken; auch "unser Depositenkassenvorsteher" könnte ja wohl, aus seinen Gesprächen am Effektenschalter, einige charakteristische Beiträge zum Thema liefern. Da hat also jemand Südseide gekauft, auf Grund de tchlichten Überlegung, daß "sie" so niedrig stehen "viel niedriger als Rheinseide nämlich — da mit sen sie doch eines Tages gleichziehen, nicht wahr Bei einer solchen Spekulation wird der Amate freilich kaum Seide spinnen; mangels Sachkur, ist ihm nämlich völlig entgangen, daß es da g keine Möglichkeit eines Kursvergleiches gibt, wt nämlich das Geschäft der beiden Gesellschafte ganz anders gelagert ist: die eine produziert Kunst seide, die andere verzwirnt und verspinnt Natur seide hie Rheinseide, da Reinseide! — Eit anderes Beispiel bildet das Hochtreiben der Kurse einiger Versicherungsgesellschaften, von denen mär weiß, daß sie in Kürze erstmalig Dividende Schlüsse, aber nun auch gleich "doppelt", n$ für die letzten beiden Geschäftsjahre, vor werden. Ergo verdoppelte sich auch der Kur. anstatt sich nach der Rendite (plus einer zusätJ fälligen Dividende) einzuspielen! Erfreulicherweise hat sich nun auch die Bank deutscher Länder dazu veranlaßt gesehen, in ihren letzten Monatsbericht etwas Kritisches zur Lage at den Effektenmärkten zu sagen — zwei Monate zu spät zwar, so will uns scheinen, aber immer noch rechtzeitig genug, um zu verhindern, daß da zuviel Dampf aufgemacht wird "Zweifellos ist", so lesen wir nun, "im gegenwärtigen Kursniveau bereits eine für die Aktionäre sehr günstige Entwicklung eskomptiert. In verschiedenen Fällen sind dia Kurse wohl auch schon als übersteigert anzusehen, besonders da, wo für die Käufe der letzten Zeit weniger normale Ertrags er Wartungen als der Wunsch nach Erlangung eines gewissen Einflusses in den betreffenden Gesellschaften maßgebend waren oder wo Kurssteigerungen, die sich vielleicht nur aus der derzeitigen Marktenge erklärten, von spekulativ eingestellten Käufern mißdeutet und infolgedessen noch intensiviert wurden. Eine nüchwohl am Platze Auch die Banken sollten bei ihrer Kreditgewährung tunlichst darauf achten, daß sie die Hausse vorerst nicht weiter nähren — Na also! Das wars, was wir, als Bestätigung unserer eigenen warnenden Hinweise, schon seit längerer Zeit erwarten durften: nun endlich ist es von kompetenter Seite ausgesprochen worden. Wer aber, aus den Kreisen des Börsenpublikums, schon früher "ausgestiegen" sein sollte, ehe diese Bestätigung erfolgte (und ihre Wirkungen — schon Tage vorher — ausstrahlte), der möge sich mit dem Wort von Max M. Warburg trösten: "Ich habe eben i"mer zu früh verkauft!" Das nämlich war seine stereotype Antwort auf die Frage, welchem Geheimnis er seine geschäftlichen Erfolge verdanke Zum sonstigen Inhalt des Monatsberichtes ist noch am Rande zu bemerken, daß die Bank deutscher Länder die konjunkturellen Anspannungen gewiß nicht dramatisiert, sie aber ebensowenig bagatellisiert. Ausdrücklich wird vor der (Wieder ) Einführung von Preisgleitklauseln, Paritätssystemen "und ähnlichen Bindungen" gewarnt, die sich "noch allemal als sehr gefährliche Triebfedern" für ein Heraufmanipulieren des allgemeinen Preisniveaus erwiesen hätten. Nun, dazu ist zu sagen, "angesichts der bereits wieder etwas stärker daß angespannten Marktsituation und der daraus resultierenden längeren Lieferfristen" auch bei sehr maßgebenden Werken der verarbeitenden Indu1 ah ttrie mit allgemein als verantwortungsbemißt anerkannten Verwaltungen "notwendigerweise" das Problem der Gleitpreisklausel wieder zur Diskussion steht — Daß, wie der Bericht betont, bei Verbraudisgütern keine Voreindeckungen oder andere Nervositätserseheinungen bedenklicherer Art bestehen, mag im aligemeinen zutreffen. Aber- "am Rande" ist doch schon gelegentlich eine Tendenzmache dieser Art im Gange: "Infolge der übertriebenen Preissteigerungen aller Weine am Rhein und Mosel raten wir unseren Freunden zur Vorratswirtschaft ", so schreibt uns beispielsweise die bekannte Weinkellerei XY2! Für die nächsten Wochen oder Monate kann man nun wohl damit rechnen, daß die Aktientendenz nicht wieder in ihre gefährliche Rolle zurückfallen wird, den Schrittmacher zu spielen für ein "Denken in Substanzkategorien", das alle Ertragsgesichtspunkte völlig beiseite läßt. Damit wird nun die Frage akut, welche neuen und gut rentierlichen fügung stehen werden, nette Anlagen also (abgesehen von dem noch zu verdauenden Überhang aus den Vorratsemissionen der Festverzinslich !), um dem an der Börse als Aktiennachfrage in Erscheinung getretenen legalen — also nicht nuf einer Sachwertpsychose beruhenden — Anlagetedürfnis zu entsprechen. Mit dem ständigen Hinweis auf die in diesem Jahre "herandrängenden" Kapitalerhöhungen der (börsengängigen) Unternehmungen allein ist es ja wohl nicht getan. In den meisten Fällen sind die Kurse so hoch gestiegen, caß selbst bei sehr günstig bemessenen Bezugsrechten die Renditenchancen für solche Erwerber, die eine gut verzinsliche Qaueranlage suchen, nicht mehr recht verlockend erscheinen. Außerdem ist, bei der steuerlich bedingten Unmöglichkeit, Alverkäufe aus Portefeuilles mit niedrigem Buchweit vorzunehmen, für die "Großinteressenten" kein hinreichender Spielraum gegeben, sich auf diesem Wege die flüssigen Mittel für den Bezug junger Aktien zu beschaffen. Sie werden also — zumal die Neigung der Banken, einen Erwerb junger Aktien durch Beleihung alter zu finanzieren, gering ist — weitgehend eine ähnliche Erfahrung machen müssen, wie weiland König Midas. Nämlich, daß der natürliche Stoffwechsel (in ihrem Falle also: der Tausch irgendwelcher alten Aktien gegen junge, aus für sie wichtigen Beteiligungspaketcn) da unterbleiben muß, wo alles zu schwerem Gold erstarrt ist. Der "typische" Großaktionär also, von dem wir aus neueren Veröffentlichungen ja wissen, wie sellschaften ist, wird im allgemeinen jetzt keinen übertriebenen Wert auf die Vornahme einer Kapitalerhöhung bei "seiner" Gesellschaft legen. So ist es auch kaum realistisch, zu erwarten, daß es aus Gründen der Geldbeschaffung über den Bezug neuer Aktien seitens der Großaktionäre zur Auflösung von Portefeuilles gemischten Inhalts und damit zu einer Ausweitung der "Marktenge" kommen werde. Das Gesagte gilt wenigstens so lange, als nicht gewisse — psychologisch (d h also auch: politisch) schwer durchzusetzende — steuerliche Vergünstigungen zur Erleichterung solcher Aktientauschvorgänge geschaffen werden.

Unsere Kredit- und Kapitalmarktpolitik ist im Moment wahrscheinlich viel zu einseitig auf die Konsolidierung kurz- und mittelfristiger Kredite, durch Erhöhung des haftenden Kapitals bei den "börsengängigen" Unternehmungen, gerichtet. Man starrt, in dem Bemühen, nun den rechten Moment um Himmels willen nicht zu verpassen, geradezu fasziniert auf dieses eine Problem. Dabei kommen dann andere Überlegungen zu kurz — etwa: wie der (ganz erhebliche!) Bedarf an mittelfristigem Kapital besser gedeckt werden könnte, und wie dies durchaus "legale" Anliegen mit dem Bedürfnis in Einklang gebracht werden könnte, sowohl eine Brücke zwischen Geld- und Kapitalmarkt zu schlagen, als auch den Wünschen der anlagebereiten Kundschaft durch ein Angebot an (relativ) gut rentierenden Werten zu entsprechen. Wird dies Bedürfnis nicht legal befriedigt, so geht es dann nur zu leicht krumme Wege . Wenn es richtig ist, daß unsere Wirtschaft arm an Kapital ist — und das scheint ja aus den Zinssätzen für langfristige Anlagen hervorzugehen! —, dann sollte man nicht mimer nur ein "Abwarten" empfehlen, um der "an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit willen", daß der Kapitalzins in aller Kürze fühlbar heruntergehen werde, sondern dem marktwirtschaftlichen Automatismus von Angebot und Nachfrage (sowie dem Preisregulativ des freien Wettbewerbs!) auch hier, auf dem Gebiet des Kapitalmarkts, ein ganz klein wenig mehr vertrauen. Die Resignation, die insoweit heute in der Kapitalmarktpolitik dominiert, erscheint uns ebensowenig berechtigt, wie die Sorge, daß man durch Zulassung höherer Zinsen für langfristige Einlagen "den Kapitalzins zementieren" und außerdem "das Wertpapiergeschäft schwächen" könnte. Der Zins bildet sich nicht nach Wunsch, sondern nach Marktauch — da sie ja in klagen verwandelt werden müssen, um entsprechend verzinst werden zu können — dem Kapitalmarkt und somit dem Wertpapiergeschäft zugute? E. T.