Vor kurzem haben die Londoner ihre letzte Straßenbahn feierlich zu Grabe getragen. Über ein halbes Jahrhundert lang hatte sie ihre Pflicht getan, aber die Gesetze des modernen Großstadtverkehrs sind unerbittlich. Daß diese Gesetze aber durchaus ihre Berechtigung haben, bewies der Rückgang der Verkehrsunfälle um 30 v. H. in der britischen Hauptstadt, in der jetzt überall Omnibusse an Stelle der stillgelegten Straßenbahnen verkehren.

Fragt man in Deutschland die öffentlichen Verkehrsbetriebe, warum man nicht auch hier in größerem Maße dazu übergeht, aus den überlasteten Großstadtstraßen die Schienenfahrzeuge zu verbannen und O-Busse und Omnibusse einzusetzen, so wird fiskalisch berechnet, daß die Kosten je Betriebskilometer im Personenverkehr erheblich über denen der Straßenbahn liegen und daher die Rentabilität der Verkehrsbetriebe gefährdet würde.

Um bei dem Londoner Beispiel zu bleiben: es wäre interessant zu erfahren, welche Schadenssumme sich hinter den 30 v. H. Unfällen verbirgt, die man künftig in der Unfallstatistik der englischen Hauptstadt nicht mehr zu registrieren braucht. Unter diesen Aspekten wird deutlich, daß die Rechnung der Experten unserer städtischen Verkehrsbetriebe nicht ganz aufgeht. Aber noch ein anderer Punkt ist wichtig: Während man in anderen europäischen Großstädten, beispielsweise in Mailand, dazu übergeht, die Straßenbahn nur noch ohne Anhänger fahren zu lassen, und dadurch den Fluß des Stadtverkehrs so wenig wie möglich beeinträchtigt, werden bei uns die Straßenbahnzüge immer länger. Verkehrsstauungen und damit auch eine erhöhte Unfallgefahr sind die Folgen dieser Fehlinvestitionen, die man nur allzugern mit dem Mäntelchen der Gemeinwirtschaft zu verdecken sucht. mid.