Die Kunstphotographie, die mit malerischen Dekorationen, mit Plüschhintergründen und dekorativen Posen arbeitete, gilt heute als ein Irrtum der Photographen. Aber auch in neuen Photobüchern findet man immer noch zu viele sentimentale und triviale Motive, ob Landschafts- oder Industriephoto. Und die Abbildung der Menschen, besonders in Mode- und Porträtaufnahnahmen, ist allzu häufig Pose, eingefrorene Bewegung. Nur die jährlichen Photojahrbücher, die ja unter keinem einheitlichen Thema stehen, sondern einen Querschnitt geben sollen, der Qualität zeigt, lassen neben allzu erstarrten Bildformeln den starken Drang erkennen, von der Schablone wegzukommen und die Bildsprache weiter zu entwickeln. Zum ersten Male erschien jetzt wieder das

„Bild-Lehrbuch der Leica-Photographie: Lebendige Leica“ mit 120 Aufnahmen von Leica-Photographen in aller Welt, Umschau Verlag, Frankfurt am Main, 198 S., 19,80 DM, Großformat in hervorragender Ausstattung, mit einem intimen Text für Leica-Freunde.

Die 160 Bilder für das zum zweitenmal als

„Jahrbuch der Photographie 1955“ mit einer deutschen Einführung von Hans Saebens erscheinende Photography Year Book von Norman Hall und Basil Burton, Umschau Verlag, Frankfurt am Main, 195 S., 17,50 DM

wurden in England und Amerika ausgesucht. Sie sind nach Nationen geordnet, und man kann die verschiedenen Temperamente und Auffassungen vergleichen, durch die oft ähnliche Gegenstände und Motive gesehen werden.

Am einheitlichsten im Niveau hohen technischen Könnens zeigt der in Frankreich gedruckte

Bildband „Akt international“, Verlag Brüder Auer, München, 78 Aufnahmen, 38,– DM

in kostbarem Großformat vorbildlich gedruckt hervorragende Beispiele, wie man mit der Kamera arbeiten und spielen kann. Aber das Thema, das dieses Buch sich gestellt hat, ist umstritten seit den Anfängen der Lichtbildnerei. Während der Maler und der Bildhauer durch die Sensibilität ihrer Empfindungsfähigkeit, durch geistige und psychische Reaktion mit ihrer Hand die Nachbildung des menschlichen Körpers künstlerisch übersetzen, gerät der Photograph durch seine mechanische Handwerksmaschine, die Kamera, fast immer, auch wenn er sentimentale Motive verbannt, in die Nähe des Magazinbildes, wenn nicht der Pornographie. Oder er versucht, wie es in diesem Buch vielfach geschehen ist, mit technischen Kniffen experimenteller Photographie malerische und graphische Wirkung zu erzielen, die bildenden Künstler zu kopieren. Er dringt auf diese Weise in ein für ihn unzugängliches Gebiet ein. Manche der Photographen aus elf Ländern, unter denen sich besonders viele Japaner befinden, haben den Körper zerstückelt und verstümmelt, um die peinliche Wirkung, die die Aktphotographie hat, zu vermeiden. Sie haben, und manchmal mit Humor, die reichen Formen und Linien des menschlichen Körpers im Detail und ganz aus der Nähe festgehalten. Man hätte zu dem anspruchsvollen einführenden Text „Gedanken zur Aktphotographie“ von Otto Steinert die Abbildungen sehr viel strenger und sorgfältiger auswählen müssen. Der Preis von 38,– DM wird hoffentlich dafür sorgen, daß das Buch nicht in falsche Hände gerät. Für wen wurde es herausgegeben? E. M.