Dem Wochenbericht über die Weltrohstoffmärkte der Hamburger Kreditbank AG., dem Nachfolge-Institut der Dresdner Bank in Norddeutschland, entnommen.

Auch während der Berichtswoche tendierte die überwiegende Anzahl der hier notierten Waren (wie bereits in der Vorwoche) zur Schwäche, obwohl während der Berichtswoche Ereignisse, wie der Rücktritt Malenkows und Mendes-France, eingetreten sind, die bei der gegenwärtig angespannten, allgemeinen weltpolitischen Lage nach bisherigen Erfahrungen eher eine Preisfestigung hätten erwarten lassen. Aus der Tatsache, daß diese Ereignisse keine oder zumindest nicht feststellbare Wirkungen auf die Preisentwicklung hatten, kann geschlossen werden, daß der Weltmarkt eine bisher nicht zu verzeichnen gewesene Unabhängigkeit erreicht hat. Er hat sich in einer Weise von politischen Einflüssen gelöst, wie es zuvor nicht zu beobachten gewesen war. Versucht man, den Ursachen dieser den Erfahrungen der jüngsten Zeit widersprechenden Eigenständigkeit nachzugehen, so dürfte die Erklärung nur in den großen Lagerbeständen der wichtigsten Welthandelsgüter zu suchen sein, die sich nicht nur auf die Erzeugerländer, sondern auch in begrenzterem Umfange auf die Verbrauchsländer erstrecken.

Einen Überblick über die Preisentwicklung in der Woche vom 7. bis 11. Februar vermittelt nachstehende Tabelle:

Von den 23 notierten Welthandelsgütern war bei 8 die Tendenz leicht gestiegen bzw. gestiegen und bei 10 leicht schwächer bis sehr stark schwächer. Die Preise von 5 der notierten Waren, nämlich Aluminium, Kupfer, Blei, Zink und Zucker, waren konstant.

Getreide: Auf den nordamerikanischen Getreidemärkten ermäßigten sich die Notierungen. Hierzu haben vor allem die anhaltend geringe Exportnachfrage sowie das schleppende US-amerikanische Inlandsmehlgeschäft beigetragen. Außerdem standen die Getreidemärkte unter dem Einfluß der Meldungen über Niederschläge in großen Teilen des US-Getreideanbaugürtels, wodurch sich die Ernteaussichten gebessert haben. Hinzu kam, daß das statistische Büro in Australien eine neue Schätzung über die australische Weizenernte 1954/55 bekanntgegeben hat. Diese revidierte Schätzung rechnet mit einer Weizenernte von 166,6 Mill. bu im Vergleich zu 155,1 Mill. bu nach der ersten Schätzung (Vorjahrsernte 199 Mill. bu). Trotz dieser Erhöhung dürfte die Weizenernte immer noch 16 v. H. niedriger sein als im Vorjahr und 13 v. H. niedriger als der Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.

Kupfer: Das bedeutsamste Ereignis auf dem Kupfermarkt waren die neuen Bestimmungen über den Export von Raffinadekupfer sowie von Kupferschrott aus den USA. Trotz der Heraufsetzung des US-Inlandpreises hat sich die Nachfrage noch nicht verringert. Auch in London war die Geschäftstätigkeit lebhaft, und die Preise stiegen weiter. Mit 361 1/4 £/lgt (= 45,15 c/lb) erreichte die Londoner Kassanotierung einen neuen Höchststand. Die Hauptursache für diese Preisentwicklung dürfte der durch die rhodesischen Streiks hervorgerufene Produktionsausfall sein, der in einigen Wochen Versorgungsschwierigkeiten erwarten läßt, so daß teils spekulative Käufe und teils Vorsichtskäufe vorgenommen wurden. Auch die US-Ausfuhrrestriktionen haben zu dieser Entwicklung beigetragen. – Neben dem Produktionsausfall durch die rhodesischen Streiks bildet die Ungewißheit über die chilenischen Verkäufe einen Unsicherheitsfaktor auf dem Weltkupfermarkt, denn es ist bisher noch nicht bekannt, ob Chile nach der Heraufsetzung des Hüttenabgabepreises für US-Verarbeiter nunmehr die USA wieder stärker beliefern wird oder ob Chile das nach wie vor höhere Preisniveau in Großbritannien und in Kontinentaleuropa ausnutzen wird, um vielleicht dadurch die USA zu einer weiteren Preisherabsetzung zu veranlassen Auf die Dauer qesehen dürfte anzunehmen sein, daß der Londoner Markt die Möglichkeit von chilenischen Angeboten nicht unberücksichtigt läßt, während andererseits die USA mit zunehmenden Versorgungsschwierigkeiten in der nächsten Zeit zu rechnen haben dürften, um so mehr, als das Amt zur Mobilisierung der Verteidigung (ODM) gegenwärtig kein Kupfer aus der strategischen Reserve für die US-Verarbeiter abzweigen möchte. Der Grund hierfür ist vielleicht darin zu suchen, daß die USA das Angebot an Kupfer nicht vergrößern wollen, um zu verhindern, daß die UdSSR auf Umwegen über dritte Länder in größerem Umfange Kupfer bezieht, zumal die UdSSR ihre Rüstungsausgaben für 1955 auf 112,1 Mrd. Rubel oder 19,9 v. H. der Gesamtausgaben erhöht hat. Damit erreichen die Rüstungsausgaben ungefähr wieder die Höhe des Jahres 1952 von 113,8 Mrd. Rubel, während sie im Vorjahre 100,3 Mrd. Rubel oder 17,8 v. H. der Gesamtausgaben betragen hatten Andererseits aber dürfte für die UdSSR die Möglichkeit bestehen, größere Kupfermengen auf Umwegen über den Londoner Markt zu beziehen, vor allem dann, wenn die USA es nicht verhindern können, daß Kupfer in größerem Umfange von Chile dorthin umgeleitet wird.

Blei und Zink: Im Gegensatz zu Kupfer, dessen Londoner Preis bereits seit längerer Zeit über dem US-Preis liegt, bewegten sich die Londoner Notierungen dieser beiden Metalle lange Zeit unter dem New Yorker Niveau Zink hat gegenwärtig ungefähr den New Yorker Preis erreicht Blei dagegen liegt mit 104 3/8 £/lgt – 13,05 c/lb noch rund 13 v. H. niedriger. Die feste Verfassung des Bleimarktes dürfte ihre Begründung in der guten statistischen Position dieses Metalles haben. Nach US-amerikanischen Statistiken wurden 1954 in den USA insgesamt 64 281 sht Blei aus dem Markt genommen und an die strategische Reserve ausgeliefert. Weitere 20 000 t wurden bereits gekauft, jedoch noch nicht geliefert. Bei Zink hält die gute Nachfrage nach Feinzink nach wie vor an.