In seinem Vorwort zu den von ihm entdeckten „Vertraulichen Aufzeichnungen und Bekenntnissen eines gerechtfertigten Sünders“ von James Hogg spricht André Gide von der „List des Teufels, uns klarmachen zu wollen, daß es ihn nicht gibt“. Die Dichter allerdings, deren Begegnung mit Satan der Gegenstand der Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing (am ersten Wochenende des Februar) gewesen ist, diese Dichter haben ihn samt und sonders als personell existent dargestellt. Bei den Teilnehmern hingegen, die sich aus vielerlei Alters- und Standesschichten zusammensetzten – einschließlich eines halben Dutzends Theologiestudenten aus der Ostzone – tauchte immer wieder die Frage auf, ob es den Teufel oder das Böse gäbe; ob es sich um unsere eigene Sündhaftigkeit oder eine transpersonelle Erscheinung handele, um einen Gegengott, wie ihn die Manichäer annahmen oder um „das Böse, das Gottes nicht entbehren kann, um auch nur das Böse zu sein“ (Kierkegaard). Obgleich durch den Leiter des Seminars (Heinz Flügel) und den Referenten (Prof. Joseph Kunz, Frankfurt), wie auch durch die Fachkundigen der Zuhörer vom Hl. Paulus über Origenes, Goethe und die Romantiker bis zu Gegenwartszeugen wie C. G. Jung, Barth und Tillich die besten Stimmen ins Feld geführt wurden, konnten eindeutige Antworten auf die angedeuteten – und auf manche andere Fragen – nicht gefunden werden. Denn die Bibel kommt in großen Teilen ohne den Teufel aus; auf den Luzifer-Mythus wird nur einmal Bezug genommen, im übrigen ist er apokryph. Wenn schon die Heilige Schrift versagt, was kann man da von menschlicher Aussage erwarten? Jede Definition könnte und konnte durch eine gegenteilige aufgehoben werden – wie es denn ja wohl in der Art des Gegenstandes vorgezeichnet ist. Dia-bolus, der Durcheinanderwerf er, machte seinem Namen auch diesmal alle Ehre.

Die Tagungsleiter, die mit großem Ernst und ungewöhnlichem Bemühen dieses literarische Wochenende vorbereitet hatten, entschlossen sich offenbar während dieser Zeit dazu, auf ihr ursprüngliches Programm zu verzichten. Dieses hatte Graham Greene, George Bernanos und Elisabeth Langgässer umfassen sollen. Statt dessen wurde als Auftakt Camille Huysmans’ „Là-bas“ interpretiert, als Beispiel eines noch quasi ästhetischen Satanismus, bei dem der Held, Durtal, während er die Biographie des Gilles de Rez schreibt, selbst dem Teufel verfällt, bis in das Erlebnis der Schwarzen Messe hinunter. Das nächste Referat brachte den klassischen Teufel unserer Literatur in einem Überblick über die erste Walpurgisnacht in das Gedächtnis zurück, während der Hauptvortrag einem Spezialgebiet des Dozenten Prof. Kunz gewidmet war: Thomas Manns Dr. Faustus. In der Tat erwiesen sich die vor allem herausgestellten Szenen der Begegnung mit dem Gottseibeiuns als ein ebenso subtiles wie bestürzendes Beispiel jener neuzeitlichen Erkenntnis, wonach nicht mehr die niedere Sphäre, etwa das Triebleben des Menschen, zur Einbruchsstelle des Teufels dient, sondern gerade die Höhe des Geistigen. Die Verführung betrifft – übrigens auch schon bei Huysmans – das Schöpferische, die Möglichkeit seiner Steigerung, ja Vollendung. Ebenso ist bei Julien Green, über dessen Roman „Si j’étais vous“ am gleichen Tag gehandelt wurde, das Motiv des Teufelspaktes der leidenschaftliche Wunsch, der Langeweile der Mittelmäßigkeit zu entrinnen. Fabien, der Held, jagt durch eine Reihe fremder Körper, in deren Maske er die ihm selbst versagte Lebenssteigerung sucht, darüber fast seinen „Namen“ vergißt, um sich erst sterbend wiederzufinden und zu entsühnen. James Hogg, der schottische Satiriker (1770–1835), der erstmalig den Satan in geistlicher Verkleidung auftreten läßt, brachte noch eine gleichsam „normale“ Geschichte der physisch-seelischen Verderbnis durch die Begegnung mit dem Teufel. Der vielleicht interesanteste Teil des Programms war eine Tonbandsendung der „Dämonen im Angriff“ von C. S. Lewis, in denen ein Untersekretär Satans einem seiner Exekutivorgane in 31 Briefen zynisch-raffinierte Anweisungen zur Verderbnis einer ihm zugeteilten Menschenseele gibt. Den Schluß des literarischen Menüs bildete eine Übersicht über George Bernanos, der an Stelle des Künstlers den Pfarrer als Partner, vielmehr Widerpart des Satans gesetzt und in manchen Abwandlungen immer wieder die erstaunliche und erhabene Gestalt des heiligen Pfarrers von Ars porträtiert hat. Die Bibelarbeit kam der literarischen Interpretation gegenüber etwas zu kurz. Nur in einer Vormittagsstunde konnte der Uttinger Pfarrer Rupprecht die einschlägige Stelle der Offenbarung Johannis – der Kampf des Erzengels Michael mit dem „großen Drachen“ – deuten.

Es wurde schon gesagt, daß sich das Thema jedem Versuch endgültiger Deutung, sozusagen mit satanischem Lachen, entzieht. Ob als „böser Doppelgänger“, ob „als Tier, dem die Macht von Gott gegeben“ definiert, ob als das Richtungslose, Gestaltlose, als Bindungs-, Beziehungs-, Lieblosigkeit oder als das Nichts schlechthin betrachtet, ob als Ausweitung der Person oder Aufgabe und Auslöschung der personellen Mitte, als Spaltungsprinzip erkannt, ob wie einstens als verzehrendes Höllenfeuer oder (wie bei Thomas Mann) als Vereisung empfunden – der Teufel hat so vielerlei Gestalten, daß man noch immer nicht einmal das Einfachste weiß, ob man ihn nämlich als Den oder als Das Böse zu erklären, zu fürchten und zu überwinden hat.

Was in zweitausend Jahren nicht möglich war, kann nicht wohl in zwei Tagen gelingen. Wenn sich aus der verwirrenden Fülle der Eindrücke auch keine Klärung ergab, so doch bestimmt Aufrüttelung oder mindestens fruchtbare Anregung, das aufgezeigte Problem mit Geduld und Hartnäckigkeit weiter zu verfolgen und gewissermaßen unverdrossen hart am Feinde zu bleiben.

Martha Maria Gehrke