Das Unbehagen an der deutschen Schule wird heute einhellig empfunden. Der Verfasser unseres Beitrags, Leiter eines großen Gymnasiums in Hannover, lenkt die Aufmerksamkeit auf den wirklichen Krankheitsherd hin.

Bei einer Repräsentativ-Untersuchung in der Universitäts-Kinderklinik Hamburg-Eppendorf ergab sich, daß von 2000 Kindern mehr als die Hälfte an nervösen Störungen leidet, daß sich bei jedem fünften Kind Appetitstörungen zeigen und daß ein weiteres Fünftel Schlafschwierigkeiten hat oder durch pathologische Gewohnheiten auffällt. Der Münchener Psychologe Huth hat festgestellt, daß sich gegenüber 1930 die Gedächtnisleistungen der Schuljugend um 26 v. H., die Sorgfältigkeitsarbeiten um 29 v. H. verschlechterten und daß ein Vierzehnjähriger von heute im Durchschnitt nur noch soviel wie ein Zwölfjähriger von 1930 zu leisten vermag. Zahlen, die die Industrie- und Handelskammer Wiesbaden mitteilt, sprechen eindeutig davon, daß die ins Berufsleben eintretende Jugend sich viel häufiger als früher den Anforderungen der Wirtschaft nicht gewachsen zeigt.

Nennen wir schlicht die Quelle aller dieser Übel: Es ist die Schulraumnot. Jede Unterhaltung über Bildungsziel und Bildungsmethoden ist nutzlos, so lange die äußeren Voraussetzungen fehlen, das Gewollte zu verwirklichen.

In der Humboldtschule Hannover stehen Ostern 1955 für 36 Klassen mit rund 1300 Schülern nur 17 Klassenräume zur Verfügung. Obwohl ein Spezialraum als Klassenzimmer verwendet wird, kann also jeweils nur die Hälfte aller Klassen unterrichtet werden. Seit Jahren wird deshalb der Unterricht in Schichtbetrieb erteilt. Früh um acht Uhr erscheint die A-Schicht, um 13 Uhr die B-Schicht; das Schulhaus ist von 8 Uhr bis 18.30 Uhr dauernd voll besetzt.

Wer würde nicht ermüden, wenn man Jahre hindurch von 13 Uhr bis 13 Uhr 45 Mathematik, von 13 Uhr 50 bis 14 Uhr 30 Latein mit ihm betriebe und womöglich dann noch von 14 Uhr 45 bis 15 Uhr 30 über Goethes „Wilhelm Meister“ diskutierte? Und wer würde nicht, wenn man ihn zum Wachsein nötigte, bald nervös werden und die Lust an den Dingen verlieren? Dabei läuft der Unterricht noch weiter über Geschichte, Englisch und Biologie – bis zur Erschöpfung um 18 Uhr 30!

Bei vielen Schülern besteht die Bilanz des Nachmittags, der gerade nach Eintreten der Mittagsmüdigkeit die größten Anforderungen stellt, aus vermehrten Minderwertigkeitsgefühlen. Mit diesen kommt man nach Haus und setzt sich appetitlos zum Abendbrot. Und dann noch Schularbeiten? Am Abend kaum mehr. Und am nächsten Morgen? Da der Unterricht „erst“ um 13 Uhr beginnt, schläft man länger, und dann meint die Mutter, der Junge könne sich auch mal um den Haushalt verdient machen. Sie schickt ihn einkaufen, läßt ihn Holz hacken oder Feuer anmachen. Gegen 10 Uhr ist es soweit: die Erledigung der Schularbeiten beginnt. Man weiß: spätestens 12 Uhr Mittagessen, 13 Uhr Schule; es sind also nur noch zwei Stunden Zeit. Aufsatz, Mathematik, Latein, Erdkunde...

So geht es Montag und Dienstag. Am Mittwoch ist „Schichtwechsel“; denn jede der beiden Schichten hat an zwei Vormittagen und zwei Nachmittagen das Schulhaus ausschließlich für sich belegt. Aber was bedeutet dieser Schichtwechsel? An den Vormittagen werden, soweit erforderlich, die schriftlichen Arbeiten geschrieben. Das heißt also: Dienstag um 19 Uhr kommt der Junge von der Schule nach Haus, Mittwoch um 8 Uhr wird vielleicht schon eine Arbeit geschrieben. Das zwingt zur „Nachtschicht“. Verlegt der Lehrer die Arbeit auf Donnerstag, denn ist es vorbei mit dem schönen freien Mittwochnachmittag, ganz abgesehen davon, daß von Mittwoch auf Donnerstag sowieso mehr Hausarbeit aufgegeben wird. Das Wochenende, der einzige Zeitraum, der wie früher dem Schüler gehört, ist nun wieder für viele Lehrer schmerzlich. Es soll aufgabenfrei bleiben. Der Lehrer rechnet: Aufgabenbeschränkung von Montag auf Dienstag, Aufgabenausfall von Dienstag auf Mittwoch, normale Aufgabenstellung mittwochs und donnerstags, über Wochenende Aufgabenausfall. Normale Verhältnisse also wöchentlich zweimal! Die Anforderungen und Leistungen sinken auch in dieser Sicht.