Vom Fernsehen gilt dasselbe wie vom Film und vom Funk: „an sich“ sind alle diese Erfindungen weder gut noch böse; erst die künstlerische (oder widerkünstlerische) Behandlung macht sie dazu. Und „künstlerisch“ heißt beim Fernsehen: aufs Kleine sehen, mit einem Mindestmaß vcn Bewegung ein Höchstmaß von Ausdruckswirkung erreichen. Jede Fernsehsendung müßte ein Kammerspiel sein. Das deutsche Fernsehen wird sich viel Kritik gefallen lassen müssen, solange es nicht dies Formgesetz auf der ganzen Linie befolgt. Im Augenblick ist von den sechs Stationen, die sich in das Programm teilen, Baden-Baden am sichersten in seinem Stilgefühl. Beim Südwestfunk-Fernsehen läßt man sich auch für die scheinbar nebensächlichen, in Wirklichkeit aber für die Intimität des Empfangs so wichtigen Übergänge, kleinen Pausen, An- und Absagen jedesmal etwas einfallen, was nicht bloß Kopie vom Kabarett oder vom Filmvorspann ist, sondern den Zuschauer in seiner Häuslichkeit „anspricht“. Es mag an der Nähe zu Frankreich liegen, daß die dort intakt gebliebene Spielkultur in so manchen Baden-Badener Sendungen wiederzufinden ist. Bisweilen lehnt man sich auch unmittelbar an Pariser Vorbilder an – so zum Beispiel mit dem halbstündigen Zweipersonensketch „Ausgang bis Mitternacht“, der nichts zeigt als einen ganz gewöhnlichen Abend eines verliebtverzankten jungen Ehepaares, ohne „Handlung“ und doch knisternd von eben jenen kleinen Spannungen und Entladungen, wie sie für die Zeit nach den Flitterwochen typisch sind. Die Kunst der Bagatelle, des petit rien (hier von der blutjungen Lies Verhoeven und dem kaum älteren Jobst W. Siedler charmant und delikat gehandhabt), dürfte überhaupt dem Fernsehen gemäßer sein als das kompakte Problemstück, für das man gewichtige und vermeintlich „zugkräftige“ Darsteller einsetzt.

Donnerstag, 17. Februar, 22.30 Uhr aus Bremen:

Klaus Colbergs Sendefolge „Zeitgenössische Dramatiker“ bemüht sich mit Erfolg um die Widerlegung der These, daß es gegenwärtig keine deutschen Bühnenschriftsteller von Belang gebe. Heute stellt er die jungen Dramatiker Christian Noak (mit „Hafen der Dämmerung“) und Claus Hubalek (mit „Der Hauptmann und sein Held“) vor.

20.30 vom NWDR: Zum Karneval ein heiteres Hörspiel „Alle unter einem Hut“, in dem zwei Landstreicher (Gustav Knuth und Hans Müller-Westernhagen) ein Abenteuer erleben. – 22.30 aus Bremen, 2. Programm: Das Oldenburgische Staatsorchester unter Hans-Georg Ratjen spielt die Petite Sinfonie concertante für Harfe, Klavier und zwei Streichorchester von Frank Martin. – 22.30 aus Stuttgart: Erich Franzen versucht an Hand von Beispielen, die Form der Kurzgeschichte zu bestimmen.

Freitag, 18. Februar, 21.15 Uhr vom RIAS, 2. Programm:

Arturo Toscanini hat den Dirigentenstab aus der Hand gelegt. Aber Schallplatten und Bänder bewahren seine Maßstäbe gebende Kunst der Interpretation. Das NBC-Orchester in New York spielte unter ihm Rossinis Ouvertüre zur „Seidenen Leiter“, Prokofieffs „Klassische Symphonie“ und die F-Dur-Symphonie von Brahms.

20.35 aus Frankfurt: In der Pause eines Symphoniekonzerts mit Wiener Musik von Mozart bis Johann Strauß: Schnitzlers „Abschiedssouper“ aus dem Zyklus „Anatol“. – 22.10 vom NWDR: Im Nachtprogramm beschreibt Bastian Müller die Methoden eines Illusionisten: „Ist die Wirklichkeit noch zu retten!“ – 23.40 vom NWDR: Gottfried von Einems Concerto für Orchester.