Die Fähigkeit zum Verpassen von Gelegenheiten wird niemand dem Westen abstreiten wollen. Aber um sie zu verpassen, muß eine Gelegenheit auch da sein. Ob dies der Fall ist, läßt sich erst dann beurteilen, wenn man weiß, was man will, das heißt, wenn man eine präzise Antwort auf die Frage geben kann: Gelegenheit wozu? Gerade hier liegt jedoch die Schwierigkeit im Ost-West-Gespräch. Eine präzise Antwort würde nämlich voraussetzen, daß im Westen volle Einigkeit und Klarheit bestünde, nicht nur darüber, daß man verhandeln will, sondern auch worüber und mit welchem Ziel. Solange das nicht zutrifft, wissen wir nicht einmal, was wir verpassen, wenn wir nicht verhandeln. Es gibt ja auch Gelegenheiten, um die man einen weiten Bogen machen sollte, zum Beispiel die Gelegenheit zur Selbstpreisgabe. Sie bot sich den Staatsmännern Englands und Frankreichs im Jahre 1938 in München. Leider haben sie sie nicht verpaßt.

Es gab bis vor kurzem genug westliche Stimmen, die Malenkows „milden Kurs“ für weit gefährlicher hielten, als Stalins „harten“: „Wie unbedeutend die russischen Zugeständnisse zur Zeit Malenkows auch gewesen sein mögen“, schreibt die Stockholmer Zeitung Svenska Dagbladet, „und wie durchsichtig sich seine Entspannungsmanöver auch ausgenommen haben – sie ergaben ansehnliche Propagandaerträge. Weite Kreise haben sich in Westeuropa davon einfangen lassen.“ –

Genau die gegenteilige Anschauung vertritt die Labour-Abgeordnete Edith Summerskill. Sie beschuldigt die britische Regierung, Malenkow „im Stich gelassen zu haben“ und sie meint, Malenkow sei vielleicht nur deshalb gestürzt worden, weil der Westen auf seine Politik der friedlichen Koexistenz nicht einging! Mrs. Summerskill, die selber in Moskau war und den „liebenswürdigen“ (besonders zu Damen charmanten) Malenkow dort kennengelernt hat, ist keineswegs das einzige Opfer der Malenkow-Legende. Einem namhaften deutschen Parteiführer hat diese Legende die Äußerung entlockt, wir müßten nun, da die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Malenkow „verpaßt“ sei, unser „Gewissen erforschen“. Es ist wirklich schade, daß Malenkow nicht veranlaßt werden kann, selbst sein Gewissen zu erforschen; denn erst dann wüßten wir ganz genau, was wir verpaßt haben.

Wie konnte die Malenkow-Legende überhaupt entstehen? Wie konnte der Westen die führende Rolle dieses unheimlichen und skrupellosen Mannes bei Stalins Schauprozessen und Massenhinrichtungen, seine jahrelangen Dienste als Stalins Vertrauter und Privatsekretär vergessen und ihn zum „Anti-Stalinisten“ stempeln? Nun, zum Teil handelt es sich dabei wohl einfach um eine aus der Kontrastwirkung zu erklärende optische Täuschung: nach Stalin erschien selbst ein Malenkow milde und vernünftig. Zum Teil gab man gewissen innenpolitischen Maßnahmen, wie der Vermehrung der Konsumgüterproduktion und einer schon lange fälligen, aber von Stalin nicht gewagten Lockerung des inneren Terrors (Maßnahmen, die von allen Sowjetführern einschließlich Chruschtschews gebilligt wurden) fälschlicherweise einen außenpolitischen Sinn. So wichtig, wie wir uns zuweilen einbilden, nimmt die Sowjetregierung uns gar nicht. Die Ordnung im eigenen Haus kommt für sie stets an erster Stelle. Außenpolitische Erfolge ergeben sich dann ganz von selbst. Kein schlechtes Rezept – auch für uns.

Kaum ist die Malenkow-Legende tot, so entsteht bereits eine neue Bulganin-Legende. Ein Labour-Abgeordneter fragte Churchill im Unterhaus, ob er auch die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Bulganin verpassen wolle. Seine Anfrage erregte Heiterkeit, aber sie zeigt, daß die Furcht vor verpaßten Gelegenheiten auch in der englischen Politik nach wie vor eine erhebliche Rolle spielt. In den übrigen westlichen Ländern gewinnt ebenfalls die Ansicht an Boden, Bulganin und Schukow und vielleicht sogar Chruschtschew seien gar keine so schlechten Gesprächspartner, wie man im ersten Schrecken über Malenkows Abgang angenommen hatte. Erinnerungen an persönliche Begegnungen zwischen den neuen Herren im Kreml und prominenten Politikern des Westens werden hervorgeholt, um derartige Hoffnungen zu untermauern.

So wäre also nach dem Hin und Her zwischen Hoffnung und Enttäuschung alles beim alten geblieben. Nur unsere Nerven sind durch das Trommelfeuer trübsalblasender Leitartikel und alarmierender Schlagzeilen sicher nicht gesünder geworden. Man muß zuweilen fragen, wer eigentlich Nervenkrieg führt: Moskau gegen uns oder wir gegen uns selbst.

Eine neue Nervenprobe, ebenfalls unser eigenstes Werk, wartet schon auf uns; denn die neue Hoffnung, die sich auf die Bulganin-Legende stützt, dürfte genau so mit einer Enttäuschung enden, wie die alte Hoffnung auf Malenkow. Solange der Westen die Angst vor verpaßten Gelegenheiten nicht los wird, zieht er bei Verhandlungen mit dem Osten notwendig den kürzeren. Erst wenn auch Moskau einmal damit zu rechnen hätte, Gelegenheiten zu verpassen, wären die Karten einigermaßen gerecht verteilt. Aber dazu müßten wir den Mut aufbringen, zu erklären, daß auch unsere Angebote nicht unbefristet sind und daß auch wir eher teurer als billiger werden. Mehr Mut, bessere Nerven, weniger Sensationslust würden uns vielleicht eines Tages tatsächlich eine Gelegenheit bescheren, die es verdient, daß wir sie nicht verpassen. G. v. Uexküll