In letzter Zeit ist viel von Reprivatisierung die Rede. Der Staat – im deutschen Fall: der Bund und die Länder – sollen sich tunlichst nicht privatwirtschaftlich betätigen. Denn: des Staates Aufgabe sei, „Marktpolizei“ zu spielen, nicht aber selbst „Markt“ zu sein. Die Sache hat ihren guten Kern. Der Bundeskanzler hebt sie hervor; der Bundestag tat nunmehr einen entsprechenden Unterausschuß gebildet; noch zögernd beginnt der Bundesfinanzminister mit Reprivatisierungsverkäufen. Er wählt zwar nicht die sinnvollere Methode des freihändigen Verkaufs. Immerhin bietet er aber Objekte en bloc an. Und da die Objekte ein gewisses Gewicht haben, können sich vorerst nur potente Firmen oder Firmenkonsortien für zur Reprivatisierung dastehende Unternehmen interessieren.

Doch was nützt der Wille, der Marktwirtschaft zukommen zu lassen, was ihr gebührt; was nützt der ganze marktwirtschaftliche Ideenkorb wenn nun im konkreten Einzelfall etwas anderes als Ergebnis herauskommt, als man eigentlich gewollt hat?

Da will ein großes Unternehmen an der Ruhr, ein Grobblech-Hersteller von Rang, seine Absatzbasis sicherer gestalten. Es beteiligt sich daher am Hürdenrennen um eine Hamburger Werft, die der Bund zum Verkauf, genauer: zur Reprivatisierung, gestellt hat. Das Verlangen des besagten Unternehmens ist ohne Zweifel legitim. Nur wird auf diese Weise nicht reprivatisiert. Denn, wie Dr. Rubinfeld, ein bekannter Wirtschaftskorrespondent aus Amsterdam, kürzlich im „Volkswirt“ berichtete, stand dieses Grobblechwerk in der jüngsten Zeit im Mittelpunkt der holländischen Diskussion, nachdem es als Interessent für die Werft aufgetreten war; als treibende Kraft bei diesen Verhandlungen galt die einzige große Hütte Hollands, in deren Besitz sich praktisch die Mehrheit des Kapitals des Interessenten aus dem Ruhrgebiet befindet. Der holländische Mehrheitsaktionär, also die „treibende Kraft“, ist aber Zumindestens zu 30 v. H. direkt im Besitz des holländischen Staates und zu über 10 v. H. im Besitz der Stadt Amsterdam, die ihrerseits wieder holländische Werftinteressen hat. Und gleichzeitig ist der holländische Staat auch Eigentümer der Amsterdamer Drogdock Mij., eines Schiffbauunternehmens von Rang.

Wenn Dr. Rubinfeld Recht hat, was nach Börsenmeinung ohne Zweifel der Fall ist, dann bekäme also (über seine Ruhr-Beteiligung) letztlich der holländische Staat den maßgeblichen Einfluß auf die zum Verkauf anstehende Hamburger Werft. Abgesehen von der Interessenkollision – daß nämlich in Zeiten der Flaute der niederländischen öffentlichen Hand das Amsterdamer Hemd näher liegen müßte als der Hamburger Rock – bleibt die grundsätzliche Frage offen: wozu überhaupt verkauft werden soll, wenn die sogenannte Reprivatisierung an Stelle des einen Staates einen anderen Staat setzt...

Nun wird der Einwand kommen: Welch kleine Schau! Die Zeiten seien glücklicherweise vorbei, daß ausländische Beteiligungen in Deutschland als „Ausverkauf deutscher Werte“ angeprangert worden seien. – Sehr richtig: Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn das private Ausland – ohne Interessenkollision – zur gegenseitigen Stützung hier investiert oder sich beteiligt. Doch was soll eine Reprivatisierung, wenn sie im Ergebnis eine erneute Verstaatlichung ist? Da ist uns das Bundesfinanzministerium als Eigentümer, weil leichter zu kontrollieren, doch noch annehmbarer, als das holländische Finanzministerium. – Nichts gegen die Holländer, aber wollen wir reprivatisieren oder nicht? W. B.