Wiedervereinigung – noch eine Chance?“ stand über dem Plakat, das an vielen Straßenecken aufgestellt war. Die zackige schwarzrotgoldene Grenze, die den hellen bundesrepublikanischen Teil Deutschlands vom dunklen östlichen abschnitt, deutete auf Alarm. So war es offensichtlich auch von den Veranstaltern, dem „Ring politischer Jugend“, gemeint. Sie hatten alle in die Hamburger Kunsthalle eingeladen: die Jungsozialisten, die Junge Union und die Jungdemokraten.

1,7 Millionen Einwohner hat Hamburg. Der Einladung des „Rings politischer Jugend“, der das Nachwuchsgelände der großen Parteien in Deutschland darstellen soll, waren – zum aufregendsten politischen Thema unserer Tage – kaum vierhundert gefolgt. Keineswegs alles Studenten, junge Arbeiter, junge Angestellte und ihre in den oberen Reihen beiseite wartenden Mädchen, sondern zwischen ihnen, interessierter und kampffreudiger, Grauköpfe, ältere Damen. Dazu, wohl verteilt, Grüppchen kommunistischer Marschierer. Die beiden Referierenden trugen viel dazu bei, daß das Klima gemäßigt blieb. Beide kamen aus Berlin. Der eine von ihnen, Ernst Lemmer, war einmal der Benjamin des alten deutschen Reichstags vor Hitler gewesen, der andere, Kurt Neubauer, ist heute im Bonner Bundestag der Jüngste. Lemmer steht die joviale Freundlichkeit gut, mit der er den Sozialdemokraten Neubauer als jemanden anredet, der das gleiche wolle, nur im Wege zum Ziel sich von ihm unterscheide. „Sie sind ja in Berlin als ewig ausgleichender Typ bekannt“, wirft eine Dame aus der ersten Reihe ein. Worauf Lemmer repliziert: „Ja, ich gelte als so etwas wie ein Friedensengel, aber ich war es nicht immer. Das ist erst mit der Zunahme an Alter, Weisheit und Gewicht gekommen. Früher, in der Weimarer Republik – gut, daß Sie mich da nicht gehört haben –, da war ich sehr wild, so wie ich im Fußball bei Tennis-Borussia vor dreißig Jahren immer im Sturm halblinks gespielt habe. Heute bin ich so etwas wie ein politischer Mittelläufer...“

Aber der kleine, junge Neubauer spricht nicht von seinem „lieben Freund“, sondern streng von seinem „Kollegen“. Alles, was er persönlich zu sagen hat, steht zugleich am Anfang seines Referats: „Ich als einer der beiden Bundestagsabgeordneten, die noch der im Sowjetsektor Berlins nicht verbotenen SPD vorstehen, kenne die Sowjetkommunisten aus allerpersönlichster Erfahrung...“ Damit verschafft er sich das betreten abwartende Schweigen der kommunistischen Teilnehmer. Erläßt es aber dabei bewenden und sagt nur noch selten „ich meine“, sondern lieber: „Die Sozialdemokratische Partei steht deshalb auf dem Standpunkt, daß die Verträge nicht ratifiziert werden sollten...“

Der Beifall, den er findet, Beifall aus einzelnen Gruppen, wird verstärkt durch betonten Applaus aus drei hinteren Sitzbänken. „Sehen Sie, wessen Sache Sie betreiben!“ ruft einer aus den vorderen Reihen. „Ich kann den Kommunisten nicht verbieten, uns Beifall zu klatschen“, wehrt sich Neubauer achselzuckend. „So glauben Sie also nicht an Europa?“ fragt ihn ein anderer Zwischenrufer. „Und ob!“ gibt er zur Antwort. „Und was sagen Sie zur sozialistischen Internationale, die doch in der Frage der deutschen Wiederbewaffnung so anders denkt als die deutsche Sozialdemokratie?“ will ein dritter wissen. Neubauer, nach einigem Zögern: „Wir machen große Anstrengungen, um unsere sozialistischen Bruderparteien immer mehr von unserer Auffassung zu überzeugen.“

Diese Zwischenrufe und Zwischenfragen kommen nicht von Jungen, sondern von politisch Trainierten. Auch Lemmer wird aufs Korn genommen. Er sagt so oft: „ich meine oder „ich bin der Ansicht“, daß der Zwischenruf kommen muß: „Was sagt dazu Ihr Parteichef?“ Lemmer ist um die Antwort nicht verlegen. „Darin, lieber Zwischenrufer, stimme ich mit dem Bundeskanzler vollkommen überein: die Sowjets wären nicht bis zu diesem, übrigens sehr beachtlichen Angebot vom 15. Januar vorgestoßen, wenn nicht Adenauer seine Politik des Westpaktes und der Verträge getrieben hätte...“ Nun hat er großen Beifall. Er hat ihn auch, als er den Block aus den oberen Reihen, der stereotyp allen Argumenten das Echo zuteil werden läßt: „Wir wollen nicht wieder Soldaten werden“, attackiert: „Sie sollten lieber daran denken, ob es etwa möglich ist, in Erfurt oder Leipzig bei einer Rede Ulbrichts so viele gleichbleibend törichte Zwischenrufe zu machen...“

Eine Entscheidung der Jungen wurde an diesem Abend nicht sichtbar. Der „Ring politische Jugend“ hat sie nicht hervorlocken können. Die Politik, die die Alten treiben, ist den Jungen offensichtlich kein Ärgernis. Von einem Generationsgegensatz ist nichts zu spüren. K. W. B.