tb., Buenos Aires im Februar

Welchen Kurs steuert die deutsche Außenhandelspolitik gegenüber den sechs Verrechnungsländern Südamerikas? Diese Frage wird, im Hinblick auf den Zeitraum 1955 bis (etwa) 1957, bei den Regierungs- und Wirtschaftskreisen in Rio, Montevideo, Buenos Aires, Santiago, Quito und Asunción immer dringlicher zum Gesprächsthema. Fast ein Jahr nach dem Erhard-Besuch, bei dem viel über Handelsausweitung, Langfristkredite, Investitionsinteresse und klassische Handels- und Wirtschaftsverträge gesprochen worden ist, wartet man etwas ungeduldig auf die Bonner Initiativvorschläge. Vor allem möchte man nach den (voreiligen?) Gespräch der BdL-Handelsmissionsmitglieder über die Vorteile der Währungsfreiheit endlich wissen: wie weit sollen die Frankfurter „saltos mortales“ in die DM-Konvertibilität das Warenaustauschverhältnis mit den Südamerika-Verrechnungsländern grundsätzlich ändern, um nicht direkt zu sagen: verschlechtern?

Die Wirtschaftspresse am Rio de la Plata und an der Pazifikküste wird gegenüber dem Bonner Schweigen ungeduldig, da fast alle betroffenen Regierungen bereits ihre Devisenbudgets für 1955 aufgestellt haben. Bei ihren chronischen Zahlungsbilanzdefiziten der letzten zwei bis drei Jahre (Brasilien, Chile, Paraguay; 1954 auch Argentinien) und den immer gefährlicher werdenden Devisenengpaßursachen haben sie die alten Swing-Volumen der BdL in ihre Einnahmen einkalkuliert! Sie fürchten daher mit Recht unangenehme Überraschungen in ihrem Handelsverkehr mit der Bundesrepublik, zumal sie schon Übergangsquoten für Importlizenzen auf das bisherige Austauschvolumen erteilt haben. „In Bonn scheint die zuständige BWM-Referentenabteilung einen Winterschlaf zu halten, weil sie die gleichzeitigen Sommerferien ihrer Verhandlungspartner in Rechnung stellt“ schreibt ein chilenischer Außenhandelsexperte. Der Vizepräsident der CORFO (Korporation für Produktionsförderung) hat von einem Deutschlandbesuch zwar neue Bonner und Frankfurter Versprechen über 15 Mill. %-Langfristkredite (5, 8 und 10 Jahre) je Jahr bis mindestens 1962 und eine Swing-Erhöhung auf 20 bis 25 v. H. des vertraglichen Austauschvolumens mitgebracht, d. h. auf 7 bis 8,5 Mill. $. Aber mit solchen Fernziel-Zusagen ist bei der seit fast eineinhalb Jahren bestehenden Bonner Abwartehaltung ebensowenig geholfen wie mit den ewigen Verlegenheits-Abkommensverlängerungen. Uruguay, Chile, Paraguay und Ekuador wollen endlich einmal wissen, was nun das forcierte deutsche Konvertibilitätsstreben für die bestehenden Kreditmargen und Verrechnungskonten bedeutet.

Die nach Bonn und Frankfurt gerichteten Fragen der sechs südamerikanischen Verrechnungsländer könnten von den am weiteren reibungslosen Warenaustausch interessierten deutschen Industrie- und Ausfuhrhandelskreisen sehr schnell beantwortet werden. Nach den mehr als schlechten Erfahrungen mit Kolumbien und Argentinien (Preisrätselfrage am Rio de la Plata: Wohin rollten die vermißten „beschränkt konvertierbaren DM-Kontenbeträge“ der Zentralbank, die seit Monaten für Importlizenz-Bewilligungen für Deutschland gesucht werden?) sollte die Frankfurt-Bonner Entscheidung eigentlich aus einer Selbsterhaltungsperspektive heraus sehr einfach und eindeutig sein. Wenn man nicht mutwillig und fast leichtsinnig die handelspolitische Aufbauarbeit von sieben Jahren in Uruguay, Chile, Paraguay, Ekuador und Brasilien auf ein Hasardspiel mit Dollarzahlungs-Wettbewerbsfähigkeit setzen will, müßte mit geringen Vertrags- und Swing-Korrekturen vorläufig alles beim alten bleiben. Die Wirtschaftsabteilungen der Botschaften in Rio, Montevideo, Santiago, Asunción und bei der Quito-Gesandtschaft dürften in ihren „Bezugsberichten“ nach Bonn mehr als ein Dutzend schwerwiegender Gründe für die Archivierung der BdLBWM-Abkommens-Umstellungspläne vorgetragen haben. Das von Bogota und Buenos Aires beigesteuerte Aufklärungsmaterial darüber, wie man aus der falschen Beurteilung einer wirtschaftlichen Zyklus-Hochkonjunktur (Kolumbien-Kaffee, Argentinien-Getreide) den deutschen Exporthandel schädigen kann, sollte ausreichende Beurteilungsperspektiven vermittelt haben. Und die Entscheidung müßte bald (sogar sehr bald) getroffen werden, da die interessierten Regierungen die Bonner Abwartehaltung angesichts ihrer Devisenkalamitäten als (gewissermaßen) „etwas unhöflich“ anzusehen beginnen.

Außerdem gibt der letzte Kontostand der BdL mit den Südamerika-Verrechnungsländern den Bonner Verhandlungspartnern (zunächst mit Ekuador, Paraguay, Chile und Brasilien in der ersten Jahreshälfte 1955) auch kreditpolitisch eine gute Abwehrstellung gegen die Pläne in Sachen Konvertibilität und Swingabbau. Bis Ende November 1954 waren den sechs Zentralbanken (oder Staatsbanken) in Rio, Montevideo, Santiago, Asunción, Quito und Buenos Aires insgesamt 62,5 Mill. $ als Swing zugebilligt worden, von denen am 22. November die 13,5 Mill. $ Brasiliens weggefallen sind. Von den verbliebenen 49 Mill. $ (Argentinien allein 35 Mill. 8) waren zum 31. Januar rund 38,8 Millionen $ (Brasilien-Restschuld von 29,6 Mill. $ eingerechnet) ausgenutzt; bei Argentinien hatte die Bundesrepublik ein Schuldkonto von 12,5 Mill. $, die abzuziehen wären. Praktisch ist beim Ausklammern von Brasilien, dessen Kreditmarge ja nicht mehr besteht, das Südamerika-Swingvolumen von 49 Mill. $ nur mit etwas mehr als 9,2 Mill. $ = 18,5 v.H. in Anspruch genommen worden. Stellt man die deutsche Swing-Inanspruchnahme am Rio de la Plata in Rechnung – und ähnliche merkwürdige Umstände könnten einmal überall auftauchen –, dann sollte man in Bonn und Frankfurt über das Kreditmargen-Problem in Südamerika besser wohl überhaupt nicht mehr reden.

Aber grosso modo müßte den deutschen Ausfuhrchancen auf dem Bolivar-Rechtwinkeldreieck zwischen Panama-Kanal und Feuerland auch ein vierzigprozentiges Haben-Konto in Südamerika (38,8 Mill. 8) bei einem Verrechnungsländer-Ge-

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samtkontostand von über 96,6 Mill. $ per 31. Januar wert sein. Wenn nicht, braucht man es nur zu sagen, um also den von Jahr zu Jahr sich ausweitenden Warenaustausch auf Verrechnungs- und Swingbasis (wie in Kolumbien) leichtsinnig „abzuwürgen“. Die bisher hintenanstehenden Mitbewerber um die Märkte in Brasilien, Uruguay, Paraguay, Chile, Ekuador (Argentinien und Kolumbien) werden es den verantwortlichen BMW-und BdL-Stellen mit französisch-italienisch-belgisch-schwedisch-holländisch-englisch-amerikanischen Langfristkrediten zum Silvester 1955/56 „danken“ ...