In der Schule, als Abc-Schützen, lernten wir, daß der Esel I-ah sage, und damals glaubte man alles, was der Lehrer kundtat. Es fehlte eben an lebendigen Beispielen, denn Esel gab es in Deutschland nicht, wenigstens nicht in der Landschaft, wo ich aufwuchs. Humane schon, engros, aber keine aiimalen. Ich mußte erst nach Irland kommen, um entsetzt festzustellen, daß man mich bereits als unschuldigen Abc-Schützen falsch unterrichtet hatte. Kein Esel sagt I-ah. Er holt tief Luft, man sagt Inhalieren dazu, und ein keuchendes Krächzen, an Asthmatiker erinnernd, wird laut. Es ähnelt dem Geräusch des perforierten Blasebalges unserer Dorfkirchenorgel, aber wer dieses Geräusch mit einem I vergleicht, ist unmusikalisch und hat kein Gehör.

Ebenso verhält es sich mit dem zweiten Laut. Exhaliert der Esel, soll es, nach Fibel, wie AH klingen. Hier in Irland gibt es mehr animale als humane Esel, und man hat reichlich Gelegenheit, die freundlichen Tiere am Rande der Landstraße zu studieren. Sie sagen nicht Ah, wenn sie exhalieren, ihren Hals strecken und die Oberlippe heben. Sie geben einen heiseren Ton von sich, der dem Horn eines trunkenen Postillons aus Lenaus Zeiten hätte entspringen können, aber mit dem samtschwarzen, Wohlgefallen verkündenden Ah hat dieser Eselslaut nichts zu tun.

Trotzdem liebe ich Esel, und als motorisierter Pilger der Landstraße muß ich dem Sprichwort, Esel seien dumm, ganz energisch widersprechen. Manchen Autounfall hab ich erlebt, habe Kühe, Pferde, Radfahrer nicht umgefahren, sondern angefahren, denn der Gegenstand kam dabei immer besser weg als ich... doch mit Eseln bin ich nie kollidiert. Treibt der Bauer seine Ochsen zum Vehmarkt, dauert es eine Ewigkeit, bis man sich durch die Herde windet. Grasen ein paar Kälber, die sich von der Weide Bahn in die Freiheit brachen, am Wegesrand, kann man sicher damit rechnen, daß sie gerade im rechten Moment, wenn man vorbei will, vor den Kühler springen. Pferde stellen sich grundsätzlich so hin, daß sie mit den Hinterhufen einem die Fenster einschlagen können, wenn man ihnen zu nah kommt. Hunde, Katzen, Kaninchen, Hühner, sie alle haben Selbstmordinstinkte, sind dumm, wütend, feige oder geblendet, und ein Ärgernis auf der Landstraße, jedoch der Esel mit seinem schlechten Ruf ist ein Gentleman. Er kennt die Landstraße, sie ist seine Heimat, denn nur Zigeuner und arme Leute besitzen ihn. Er legt seine Ohren an, wenn ein Autoprotz sich nähert, geht hübsch zur Seite, und sagt nicht I-Ah, sondern ...

Ich habe meinen Kindern einen Esel gekauft, denn als ich eines Tages auf der Landstraße anhielt, um sein Gesicht zu studieren, fand ich, daß er das intelligenteste Geschöpf aller Huftiere war, just der rechte Einfluß auf Kinder, den ich selber als überarbeiteter Vater nicht ausüben kann.

Die Ruhe, die von ihm ausgeht, ist sokratisch, aristokratisch, und er ist das einzige.Tier, dem ich zutraue, daß es wirklich lächeln, schmunzeln kann. Nicht über mich allein, der ich vorbeibrause und nur Staub aufwirbele, nicht über die Kälber, die sich selbstmörderisch vor den Kühler werfen, sondern über sich selbst, klüglich den Rand der Straße wahrend und an die Fibel denkend, die den Kindern weismachen will, daß er I-ah sagt...

Georg Rosenstock