Johannesburg, im Februar

Mein schwarzer Koch Henry hat mir die ganze Angelegenheit der Umsiedlung seiner Freunde aus den Eingeborenen-Slums von Johannesburg sehr viel kürzer und lichtvoller erklärt, als es irgendeiner meiner weißen Kollegen von der internationalen Presse bisher vermocht hat. Henry sagt: „Jeder freut sich, wenn er sich verbessern kann. Warum die schwerbewaffneten 2000 weißen Polizisten aufgeboten wurden, um Leute in bessere Häuser zu geleiten, weiß ich nicht. Jetzt stehn sie da mit ihren Maschinenpistolen und machen erstaunte Gesichter, wenn die Umsiedler auf den Lkws. lachend und singend nach Meadowlands fahren.“

Meadowlands, das „Wiesenland“, das die Regierung 15 km vor Johannesburg angekauft und durch regierungseigene Bautrupps mit zwei- bis vierzimmrigen Häusern hat besetzen lassen, sieht im Augenblick recht desolat aus. Seit Wochen rauscht ein alle südafrikanischen Rekorde brechender Regen erbarmungslos auf die noch ungeteerten Straßen und baumlosen Grundstücke herunter. Aber das hindert nicht, daß der Mann, der gerade mit Hilfe seiner Familie das beste Stück seiner Einrichtung, ein Harmonium, in die neue Behausung schafft, ein strahlendes Gesicht zeigt. An anderer Stelle nehmen Frauen und Kinder Brot und Milch entgegen, die die Regierung zum Empfang bereitgestellt hat. Die Männer holen sich Holzbündel – ebenfalls gratis verteilt – und machen die ersten Feuer. Eine Frau steht kopfschüttelnd vor dem glänzenden Mülleimer, den jede Familie an ihrem Haus vorfindet. „So was gibt’s“, scheint sie zu sagen. In der Küche spritzen sich die Kinder derweil mit Wasser aus der Leitung, ein Vergnügen, das ihnen in ihren bisherigen wasserlosen Behausungen entging. Ein paar schwarze Männer, mit denen wir sprechen, können sich über nichts beklagen. Ihre Hauptsorge ist die höhere nichts für die neuen Häuser im Vergleich zu den Löchern, in denen sie bisher hausten, und die weitere Entfernung zum Arbeitsplatz in der Stadt. Ein viersitziger alter Chevrolet, mit neun Schwarzen besetzt, hält an. „Wo ist euer Haus?“ fragen wir. „Wir sind noch gar nicht umgezogen“, heißt es, „wir sehen uns nur mal um.“ Der weiße Beamte, der Meadowlands unter Aufsicht hat, bestätigt uns, daß zahlreiche Familien darum bitten, ob sie nicht bevorzugt umziehen könnten. Von aktivem oder passivem Widerstand keine Spur! Der schwarze „Headmaster“ in der halbfertigen Schule kratzt sich hinterm Ohr. 25 Kinder waren angemeldet, fast hundert sitzen mit ihren großen schwarzbraunen Augen in den neuen Klassenräumen und warten auf Belehrung. Der Lehrer sagt, bei näherer Befragung habe sich herausgestellt, daß viele kleine Negerlein, die gar nicht zu den ersten 300 Familien gehörten, in seiner neuen Schule „schwarzhören“ wollten.

Man kann es beim besten Willen nicht anders beschreiben: Meadowlands bietet ein Bild vergnügter Geschäftigkeit. Wie kommt es nur, daß alle an diesem Umzug Beteiligten so zufrieden und alle daran gänzlich Unbeteiligten in Europa, Amerika und Asien so erbittert darüber sind? Ich nehme die gute alte New York Times zur Hand, die uns in den ersten Nachkriegsjahren in den deutschen Redaktionen so liebenswert erschien (mit Ausnahme ihres deutschen Korrespondenten), und muß lesen, daß dieser Abbau der notorischen Slums von Sophiatown und die Umsiedlung der Bewohner nach Meadowlands eine typische Polizeistaat-Maßnahme sei, wie man sie von der rassenwahnsinnigen südafrikanischen Regierung nicht anders erwarten konnte. Wenn ein so kluges Blatt solche Ansichten äußert, wird man nachdenklich. Man wird auch nachdenklich, wenn ein Mann wie Pater Huddleston, der die anglikanische Mission in Sophiatown leitet und Vorsitzender des Widerstandskomitees gegen die Evakuierung ist, seit Monaten mit heiligem Zorn die Maßnahmen der Regierung zu hintertreiben versucht. Aber wenn man sich dann wieder mit etwas scheuen Blicken nach rechts und links, und sich möglichst in Sichtweite von Polizisten haltend, durch die unbeschreiblich verschmutzten Gassen von Sophiatown bewegt, dann scheint einem das Vergnügen der ersten Ankömmlinge in Meadowlands ganz normal und erklärlich, und die Ansichten von Pater Huddieston und von der New York Times ganz unnormal und unerklärlich.

Mein Koch Henry hilft mir mit weltweisem Lächeln auch aus diesem Dilemma. Seiner Ansicht nach wären 95 v. H. der Insassen von Sophiatown heilfroh, wenn sie schleunigst in menschenwürdige Behausungen kämen. Aber eine kleine Zahl von schwarzen „Kapitalisten“ und Grundstückseigentümern, die unglaubwürdige Blechbuden an ihre Landsleute zu guten Preisen vermieten oder sonstige Handelsgeschäfte treiben, sehen – mit Recht –, daß dieser Art Geschäftsleben im neuen Meadowlands sehr enge Grenzen gesetzt sein werden. „Machen wir Widerstand“, sagen sie und mieten sich Gangs von Tsotsis, arbeitsscheuen schwarzen Jugendlichen, die alle übrigen Bewohner auf rüdeste Weise bedrohen und in Todesfurcht versetzen, falls sie nicht streiken und sich widersetzen wollen. „Machen wir Widerstand mit“, sagen die dann, damit sie von den Tsotsis in Rufe gelassen werden. Der nackte Terror herrscht in Sophiatown.

Die südafrikanische Polizei ist gut. Aber in diesem Falle haben sich ihre Agenten in den schwarzen Slums von der Aufschneiderei und Großspurigkeit der Tsotsis doch wohl täuschen lassen. So gingen haarsträubende Berichte über Waffenlager, Maschinengewehre und Bombenvorräte in Sophiatown, über Mau-Mau-Eide von 60 000 Schwarzen aus Johannesburg, über geplante Blutnächte und Massenmorde an den armen Justizminister Swart, der als Vertreter des neuen südafrikanischen Ministerpräsidenten Stijdom in Nr. 10 Downingstreet, London, an der Konferenz aller Premierminister des Commonwealth teilnahm, wo er gar nicht über die heimischen Tsotsis, sondern über die unmittelbare Zukunft des Commonwealth of Nations nachdenken sollte. Mr. Swart mußte von London nach Johannesburg zurückfliegen, und weil hier die Geheimberichte der Polizeiagenten inzwischen wenn möglich noch blutrünstiger geworden waren, erließ er für die 20 kritischen Tage des Umzuges ein absolutes Versammlungsverbot für ganz Johannesburg. Nirgends durften sich mehr als zwölf Menschen versammeln, gleichgültig ob weiß, schwarz oder braun, und gleichgültig auch für welchen Zweck. Die Johannesburger Geschäftsleute an den Bushaltestellen zählten ängstlich, ob mehr als elf Passagiere vor ihnen in dem Queue standen, und eilige Hochzeitspaare führten hektische Telephongespräche mit der Polizei, wenn sie mehr als zwölf Gäste eingeladen hatten. Was Wunder, daß die Weltöffentlichkeit aufhorchte und schwere Erschütterungen in Südafrika kommen sah.

Jetzt, acht Tage, nachdem die ersten 150 Familien friedlich aus Sophiatown nach Meadowlands umgezogen sind und die weiteren sich geradezu danach drängen, nachdem die Nacht der langen Messer nicht stattgefunden hat, der Terror der Tsotsis gebrochen ist, und selbst der eifrig proklamierte eintägige Streik der in Sophiatown hausenden schwarzen Arbeiter an deren Verständigkeit kläglich gescheitert ist – jetzt ist der ganze Spuk verflogen, das allgemeine Versammlungsverbot ist vorzeitig aufgehoben worden, und selbst die Zeitungen der südafrikanischen Opposition strotzen von Geschichten über die glückstrahlenden neuen Bewohner von Meadowlands.