Das Bild der „Frau von 1955“, wie es im Februar von den „großen Drei“ – Balenciaga, Dior, Geneviève Fath – von anderen erstrangigen Couturiers wie Dessès, Patou (Marc Bohan), Manguin, Griffe, Grès, Givenchy, Carven, Maggy Rouff, Lanvin-Castillo und neuerdings Cardin und ihren vierzig Kollegen und Kolleginnen, die man die „Kleineren“ nennt, nicht weil sie weniger begabt oder originell, sondern weil ihre Kollektionen weniger imposant und reichhaltig sind –, interpretiert wurde, zeigt nicht nur Anklänge an die zwanziger Jahre, an Prinzeß-, Directoire- und Empire-Trends: in der subtilen Auflockerung der Kurven und Ausschaltung aller eckigen, kantigen Linien läßt sich ein ausgesprochener Zug zur Zwanglosigkeit erkennen, der zweifellos dem Einfluß des angelsächsischen und des amerikanischen way of life zuzuschreiben ist. Kleine Beispiele für die zunehmende casualness, die nicht mit Saloppheit, Nachlässigkeit oder Laxheit verwechselt werden darf, sind die Vorlieben für dusters (Staubmantelformen in allen Stoffen und Farben), für Sportmanteltypen, die sich durch einen kleinen, pikanten Akzent vom konventionellen Kamelhaarmantel unterscheiden, für die echten oder die faux-deux-pièces, und vor allem für die mit unbeschreiblicher Reichhaltigkeit variierten Jumper-, Sweater-, Tunik- und Kasackkleider, denen, selbst wenn sie aus bestickter Seide oder Silberlam£ sind, noch immer ein Hauch des sportlichen Geistes anhaftet, der sie geboren hat.

Durch die gesamte Mode geht eine Welle von „Understatement“, eine Unterbetonung der figürlichen Extreme – von Dior und Balenciaga am markantesten herausgeschält –, und ehe ans Extravagante grenzende Verwendung kostbarer und exklusiver Materialien für Modelle, die man im allgemeinen zur Klasse der simplen Easy-towear-Kleider zählt. Pierre Balmain hat gelegentlich einer kleinen Pressekonferenz dieser stark ausgeprägten Zug zu zwangloser Natürlichkeit einleuchtend illustriert. Bei der Wahl seiner Vorführdamen legt er das größte Gewicht auf zwangloses, unmanieriertes Benehmen. „Ein Mannequin“, so sagte er, „soll nicht so aussehen, als ob es Kleider paradiert ... es muß den Eindruck erwecken, als käme es ganz zufällig in den Salon. Der kostbare Pelz, den es vielleicht zum erstenmal trägt, darf nicht wie ein „Schaustück“ wirken, sondern als ob er sein persönliches Eigentum sei, an das es sich längst gewöhnt hat. Wenn es azurblauen Nerz oder schneeweißen Hermelin zeigt, so muß es ihn mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie einen Kamelhaarmantel spazierenführen ... und wenn es einen Flauschmantel präsentiert, so soll es sich geben, als ob es Zobel trägt...“

Mit der allgemeinen, freundlichen Aufnahme der A- und H-Schnitte ist wieder einmal der Zyklus der Mode abgelaufen. Die Konfektion hat ihre Adaptierungen schon dem schmalen Budget der meisten Frauen angepaßt. Die Modeschöpfer der anderen Länder aber besitzen nicht genug Schlagkraft – man kann auch sagen „schöpferische Originalität“, um eine neue Ära selbständig einzuleiten. Sie sind alle – mehr oder weniger – den Pariser Schneidern gefolgt. Groß ist daher das Rätselraten in den Kreisen derer, die sechs Monate früher wissen müssen, nach welcher Richtung der Modependel im Monat August ausschlagen wird. Die beiden „Orakel“ sind Balenciagas Tunika-Silhouette und Diors zum Wandern verurteilte Taille. Elisabeth Russell