Unter dem anspruchsvollen und vieldeutigen Titel „Das humanistische Europa“ veranstaltet das belgische Unterrichtsministerium im Brüsseler Palais des Beaux-Arts eine umfangreiche, aus vielen Ländern beschickte Ausstellung. Diese Schau steht außerdem unter dem Patronat des Europarates, so daß sich in ihr nicht allein historischer Wissens- und Forscherdrang betätigt hat, sondern auch die aktuelle Politik, die ihre Gedanken und Pläne vielleicht mit der Erinnerung an eine große Zeit europäischer Geschichte fördern will. Allerdings sollte man sich hüten, die europäische Idee von heute mit dem Europa im Zeitalter des Humanismus zu identifizieren; denn die gefeierte Epoche brachte auch die Entwicklung zum Nationalstaat, zu „nationalen“ Künsten und die Glaubensspaltung. Selbst wenn die neu gezogenen Grenzen durch einen lebhaften Gedankenaustausch der (noch!) lateinisch sprechenden Gelehrtenwelt, durch reisende Künstler, Versand von Druckschriften, durch regen Handel und Wandel überwunden wurden, so darf man dabei nicht übersehen, daß die schärfer markierten Grenzen und Unterscheidungen überhaupt erst einen „Grenzverkehr“ notwendig machten. Eine Darstellung der Einheit des mittelalterlichen Europas hätte eigentlich den Tendenzen des Europarates besser entsprochen.

Da der Geschichtsbegriff „Humanismus“ sehr weit und komplex ist, außerdem in den beteiligten Ländern nicht gleichzeitig auftritt, kann er nur unter Schwierigkeiten mit Hilfe von Kunstwerken und Geschichtszeugnissen veranschaulicht werden. Kein Wunder also, wenn die Brüsseler Ausstellung sehr vielfältige Aspekte bietet, daß die Grenzen nach „rückwärts“ zum Mittelalter und nach „vorne“ in das Barock nicht scharf gezogen werden dürfen, und daß ein buntes, nicht immer kohärentes Mosaik von Einzeldingen, Individualitäten und nationalen Leistungen sich dem Auge präsentiert. Das Fazit einer solchen Unternehmung ist daher die Erkenntnis von der Verschiedenheit der Geister und Taten. Die Einheit des erwachenden Europas zeigt sich – so paradox es sich anhört – am eindrucksvollsten in der „Auseinandersetzung“, im Disput, in These und Antithese, in Reformation und Gegenreformation, in Einflüssen und deren Überwindung. Für die Besucher, die in hellen Scharen wissensdurstig durch die veloursbespannten Oberlichtsäle des Palais des Beaux-Arts strömen, bedeutet dies, daß sie vielen großartigen, interessanten, lehrreichen und schönen Zeugnissen der Renaissancekunst und der humanistischen Wissenschaft begegnen, aber daß sie kein „Gesamtbild“, keine große verbindende Form erleben.

Um die mehreren hundert Kunstobjekte aus den Museen Belgiens, Dänemarks, Deutschlands, Englands, Frankreichs, Hollands, Italiens, Österreichs, Spaniens und der Schweiz zu ordnen, bediente man sich also der herkömmlichen Kategorien und teilte nach Kunstgattungen und Wissensgebieten ein. So sind in einem Kabinett erlesene Handzeichnungen von Baldung Grien, Dürer, Bellini, Brueghel, Holbein und Lionardo ausgestellt. Eine andere Abteilung beleuchtet das Phantastische in der Kunst eines Hieronymus Bosch und verwandter Künstler, wobei der mittelalterliche Charakter doch kräftiger hervortritt als die Idee des „aufklärenden“ Humanismus. Wieder andere Säle enthalten wissenschaftliche Instrumente der Astronomie und Geographie, Atlanten, Erd- und Himmelsgloben sowie kunstvoll verzierte Uhren. Die Erforschung des menschlichen Körpers durch anatomische Studien, die Architekturzeichnung und Perspektivlehre, ausgeklügelte Systeme zur Ermittlung eines „Kunstgesetzes“ und polemische Pamphlete sind andere charakteristische Äußerungen des Zeitalters. Neben der Blüte der Malerei und der graphischen Künste fällt jedoch die „Verniedlichung“ der Plastik auf. Kleinplastische Statuetten dekorativen Charakters und Porträtbüsten oder -medaillons sind an die Stelle der monumentalen Plastik für Kirche oder Altar getreten, wie überhaupt hinsichtlich des Inhaltes der ausgestellten Kunstwerke die Profanierung und der wachsende Persönlichkeitskult als Zeichen eines neuen Zeitalters zu werten sind.

Jeder Besucher wird sich aus diesem riesigen Sammelbecken des künstlerischen und gelehrten Ingeniums nach Liebe und Interesse bestimmte Dinge heraussuchen. Es sei daher erlaubt, daß der Berichterstatter, ohnmächtig vor der Überfülle des immer Verschiedenen, einige der aber hundert Gegenstände notiert, die ihm merkwürdig erschienen. An erster Stelle wäre das Bildnis des Herzogs von Urbino, Frederigo de Montafeltre, ein Werk des Pedro Berruguete (Urbino, Palazzo Ducale), zu nennen. Der gewappnete und mit den Insignien seines Ranges geschmückte Fürst liest nachdenklich und aufmerksam in einem gewaltigen Folianten, den seine kräftigen Condottierehände mit spielerischer Leichtigkeit halten. In dieser Gestalt des erfolgreichen Tatmenschen und Liebhabers der Gelehrsamkeit, in dieser „Leuchte Italiens“ personifiziert sich wohl am überzeugendsten der schillernde Glanz der Renaissance. Ein echtes Gegenstück, noch aus dem überlieferten Themenvorrat des Mittelalters bezogen, aber durch ein übereifriges Engagement an der Stofflichkeit der Dinge verwandelt, ist der „Hieronymus im Gehaus“ von Vittore Carpaccio (Venedig). Der Kirchenvater ist rücksichtslos an die Seite gerückt worden, damit er nicht die perspektivische Darstellung und die minutiöse Schilderung der Umgebung stören kann. Man müßte selbstverständlich auch von den Bildnissen des Erasmus, Paracelsus, des Christoph Columbus und Philipp Melanchthon des „Reichen Fugger“ und der glänzenden Herrscher sprechen. Aber denkwürdiger erschien mir die Miniatur des Nikolaus von Modena (um 1545), die Franz I. in Gestalt der Minerva wiedergibt: ein seltsam weibischer, etwas bösartig blickender Potenta: mit den Attributen der Göttin. Muß ich hierzu betonen, daß diese Metamorphose den surrealistischen Maler Max Ernst am stärksten fasziniert hat?

Da die Epoche im „disegno“ brillierte, fällt es schwer, einer der bewunderungswürdigen Handzeichnungen den Vorzug zu geben. Vielleicht ist die plastisch-harte Studie Bellinis für ein Christuskind (Oxford) exemplarisch, weil sie mit so hartnäckiger Eindringlichkeit das Körperlich-Diesseitige definieren will? Die Plastiker wetteifern im Naturalismus mit den Malern. Conrad Meits Büste Karls V. (Brügge) strahlt mächtige Lebensfülle aus. Aufregender aber sind die Krebse und Frösche der italienischen Bronzegießer. Welch umwälzendes Ereignis, daß auf einmal die niedere Tierwelt nicht mehr Attribut ist, sondern bildwürdig, ja statuarisch wird! Eine wahre Fundgrube öffnet sich natürlich in der Graphik, die neben den viel und gern gezeigten Dürerblättern auch weniger Bekanntes enthält, etwa den grauslichen Kampf aller gegen alle von Pollaiulo (Paris), der die Besucher darüber aufklärt, daß Europa im Zeichen des Humanismus keineswegs humanitär gewesen ist. Als letztes sei die Celtis-Kiste aus Wien gepriesen, eine vierkantige Holzschachtel, in der Conrad Celtis, der erste „poeta laureatus“, seine Souvenirs verwahrte. Sie ist nicht nur ein artiges Anhängsel des erlauchten Dichters und Mathematikers, sondern mit ihren hübschen Miniaturen auch ein Zeugnis des erlesenen Geschmacks, der einfache Dinge kostbar zu machen wußte. Deswegen ist die Celtis-Kiste in meinen Augen das humanste Denkmal in dieser Schaustellung des europäischen Humanismus – gewiß, nur eine dünne Schale, aber mit konzentrierter Humanitas in nuce. Eduard Trier