Zu einem Essay Henry Millers

Gedenktage sind nicht dazu gut, eine sowieso nur nabelbeschauende Öffentlichkeit mit einem Ereignis zu konfrontieren, dem sie sogar bei gewecktem Interesse kaum gewachsen wäre. „Wenn man einem Metzger von Ideen spricht, denkt er an Schweine“,sagt Lao Dse, und das gilt für die mitteleuropäischen Metzger gewiß noch viel mehr als für die chinesischen. Wir hier heute sind ja jeweils in einem einzigen Bereich Spezialisten und in allen übrigen Dilettanten, und nur dornröschen-schläfrige Humanisten können einen Metzger tadeln, der es sich verbittet, mit Ideen belästigt zu werden. Er hat andere Sorgen, und das ist sein gutes Recht.

Gedenktage sind einzig dazu gut, den wenigen einzelnen, die vom Geiste dazu legitimiert sind, einen Anlaß für die eigene Sache zu geben. Gedenktage sollen nicht Zufriedenheit schaffen, sondern Mut machen. Das nämlich ist das echte Gedenken: das eigene Geistesfeuer an einem anderen, welches vorausgeleuchtet hat, zu entzünden. Solch ein Gedenken wurde dem deutschen Leser zu Arthur Rimbauds Geburtstag, der am 20. Oktober 1954 zum hundertsten Male wiederkehrte, beispielgebend dargeboten:

Henry Miller: Vom großen Aufstand. Deutsch von Oswalt von Nostitz. 192 Seiten, 8,80 DM. Im Verlag der Arche, Zürich.

Darin betätigt sich Henry Miller nun keineswegs als Rimbaud-Biograph, und schon gar nicht produziert er sich als Rimbaud-Nachfolger in einem inhaltlichen oder formalen Sinn. Eher möchte man sagen, er gebe sich als einer von der Rasse Rimbauds zu erkennen; denn wenn er – der Amerikaner des 20. Jahrhunderts – dem Franzosen des 19. Jahrhunderts ähnelt, dann durch die Haltung der Kunst und dem Leben gegenüber. Und so nimmt Miller in diesem Essay die fast schon legendäre Figur Rimbauds zum Anlaß, seine eigenen Gedanken – und bei Gott, es sind Gedanken! – zu jenen Problemen zu äußern, die in Rimbaud zum erstenmal gestellt und von Rimbaud zum erstenmal dargestellt worden sind; Probleme, die sich in ihrer ganzen Fürchterlichkeit aber erst heute zu erkennen geben. Zwar schon das neunzehnte Jahrhundert – so führt Miller aus – ist von der Gottesfrage gemartert worden; aber erst wir „sind in den Besitz einer Macht gelangt, wie sie sogar den alten Göttern nicht zu Gebote stand. Da stehen wir nun vor den Pforten der Hölle. Werden wir die Pforten stürmen, die Hölle selber aufsprengen? Ich glaube, das werden wir. Meiner Auffassung nach wird der Zukunft die Aufgabe obliegen, den Bereich des Bösen zu erkunden, bis auch nicht der Fetzen eines Geheimnisses zurückgeblieben ist.“ Jetzt nämlich, da jeder nur mehr auf die totale Katastrophe warte, gehe es nicht mehr um läßliche Begriffe, sondern „jetzt geht es um Himmel oder Hölle, ein Zwischending ist nicht mehr möglich“.

Wenn Henry Miller von Katastrophen spricht, dann meint er natürlich nicht säkulare Sensationen, sondern deren Ursache: den Verlust, die Preisgabe der Heilsmöglichkeit. Er meint den Kriegszustand zwischen dem Kollektiv und dem einzelnen; er meint das Ausscheiden des einzelnen aus der Verantwortlichkeit für das ganze Menschengeschlecht: er meint die seit dem 19. Jahrhundert anscheinend nicht mehr zu schlichtende Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Verfassung des Menschen.

Rimbaud hat seinen Auftrag nicht dahin ausgelegt, daß er eine neue literarische Richtung einzuschlagen, eine neue Kunstschule zu begründen habe; als „Dichter in dürftiger Zeit“ (Hölderlin) hat er es vielmehr auf sich genommen, die Hölle zu durchleben, denn – so heißt es weiter bei Miller – „um das Heil zu gewinnen, muß man mit Sünde geimpft werden“. Er hat sich – wie vorher Hölderlin, wie nach ihm Trakl – zur Verfügung gestellt als Versuchsfeld des Geistes, er hat sich geopfert im Ringen um die Erlösung; er hat die Dichtung gefährlich gemacht. Mit seiner ganzen geistigen, sittlichen und biologischen Persönlichkeit hat er gegen das Unheil revoltiert, nicht um die eigene Erlösung zu erzwingen, sondern „für das Geschlecht Adams, welches das ewige Leben kannte“. Und so versteht Henry Miller auch das freiwillige Verstummen Rimbauds als das einzige in Wahrheit unüberhörbare Signal, wenn Warnungen, die durch das Wort übermittelt werden, den Menschen nicht mehr rühren.

Ein solches Verhalten, ein solcher Einsatz – das ist für Henry Miller der „große Aufstand“, der das Unheil noch einmal abwenden könnte. Dazu bekennt sich Miller – und zu Gott, der dem Menschen die Freiheit gegeben hat, sein Lob zu singen. „Dies ist“, sagt Miller, den viele für einen Schmutz- und Schundliteraten halten, „dies ist die höchste Leistung, die der Mensch vollbringen kann; wenn er so handelt, nimmt er seinen Platz an der Seite seines Schöpfers ein. Darin besteht seine Freiheit und seine Erlösung, da es der einzige Weg ist, ja zum Leben zu sagen.“ Herbert Eisenreich

Ludwig Heydenreich: Leonardo da Vinci (Holbein-Verlag, Basel). Von diesem ausgezeichneten Werk, das wir in der ZEIT Nr. 49 vom 9. Dezember 1954 ausführlich besprochen haben, ist jetzt die englische Ausgabe erschienen. Bei dieser Gelegenheit teilen wir mit, daß die zweibändige deutsche Ausgabe nicht 18,50 DM, sondern 60 DM kostet.