Für den Hörspielpreis der Kriegsblinden können nur Werke kandidieren, die man in der Fachsprache „funkeigen“ nennt – also nur Originalhörspiele, nicht Funkbearbeitungen von Dramen, Romanen oder Novellen. Den allermeisten Hörern ist diese Unterscheidung unwichtig; sie nehmen jede Sendung, die in dialogischer Form eine Geschichte erzählt, als „Hörspiel“ auf, auch die sogenannte Hörfolge, das Feature. Die große Zahl der Originalhörspiele von hoher Qualität, die alljährlich die Jury des Kriegsblindenpreises vor die Qual der Wahl stellt, zeigt nun aber, daß es in Deutschland heute zahlreiche dramatische Künstler gibt, die für den Funk und nicht für das Theater schreiben. Vielleicht bedient sich dieser und jener des Funks als einer Art von Probierstein? Der Fall des Hörspielpreisträgers für 1954 könnte so etwas vermuten lassen. Denn Wolfgang Hildesheimer, dem die Juroren fast einstimmig die höchste Auszeichnung gaben, hat inzwischen sein preisgekröntes (und daraufhin bereits mehrfach ins Ausland verkauftes) Hörspiel „Prinzessin Turandot“ zu einer dreiaktigen Komödie „Der Drachenthron“ ausgearbeitet, die von Gründgens in Düsseldorf und von der Wiener Burg angenommen worden ist. Der umgekehrte Weg also: nicht Verkürzung eines Dramas zum Funkspiel, sondern Entwicklung eines „Märchenspiels für den Funk“ zum Bühnenwerk. Nun kommt ja allerdings der Turandot-Stoff von der Bühne her – von Gozzi, den Schiller für Weimar umgearbeitet hat. Aber Hildesheimer schaltet mit dem Stoff viel freier als Schiller. Er läßt einen Abenteurer sich als Prinzen von Astrachan ausgeben und die hochmütige, grausame Prinzessin statt durch Lösung von Rätseln in einem dialektischen Streitgespräch besiegen. Es ist der Sieg des nur auf sich selbst gestellten Geistes über die bloße, innerlich hohle Macht. Und jetzt der Schritt vom Hörspiel zur abendfüllenden Komödie! Im Funk endet Hildesheimer mit einer Arabeske: Der echte, zu spät eingetroffene Prinz wird heimlich mit einer gefangenen Prinzessin aus der Residenzstadt fortgeschickt, und der geistreiche Abenteurer wird Turandots Gatte. Im Bühnenstück weist der falsche Prinz die angebotene Macht zurück und geht auf weitere Abenteuer aus, während Turandot die Beute des mit überlegener Armee gekommenen echten Prinzen wird. Wer von der Macht nimmt, wird in ihr umkommen – das ist eine Pointe, deren scharfe Ironie wohl nur das Theater zur Geltung bringen kann.

Wir werden sehen:

Dienstag, 1. März, 21 Uhr:

Zum erstenmal eine wissenschaftliche Demonstration des Hellsehens vor der Fernsehkamera. Partner sind: der holländische Hellseher Gerard Croiset und der Freiburger Psychologe Professor Hans Bender.

Montag, 28. Februar, 21.00: Aus Frankfurt eine Fernsehbearbeitung von Christopher Frys Komödie „Ein Phönix zuviel“. – Mittwoch, 2. März, 21.00: Ein Original-Fernsehspiel von Georg von der Vring nach einer eigenen Jugenderinnerung: „Der Korporal aus Java“ (mit Albert Floraths Fernseh-Debut).

Wir werden hören:

Donnerstag, 24. Februar, 20 Uhr vom NWDR: