Neue Musik im Radio Bremen

Der anspruchsvolle und gewissenhafte Rundfunkhörer liest das Wochenprogramm aufmerksam durch und streicht die Dinge an, die ihm wertvoll erscheinen und zu deren Genuß er eine ruhige Stunde erübrigen wird. Er liest natürlich auch die Ankündigungen des Senders Bremen, aber hier macht er keinen Vermerk. Nicht, als ob es dort weniger Gutes und Interessantes zu hören gäbe – im Gegenteil –, aber es hat keinen Zweck, er bekommt Bremen nicht in sein Gerät. Mag es an der Wellenlänge oder an der Intensität liegen, jedenfalls dürfte dieser Sender nur in direkter Reichweite jenen volltönenden und klaren Empfang haben, der Voraussetzung ernsthaften Hörens ist. Zahlreiche Hörer Nord- und Nordwestdeutschlands müssen auf ein Programm verzichten, das sich gerade durch besondere Qualität und Einfallsreichtum auszeichnet. Schade. Aber um so freudiger wurde die Gelegenheit ergriffen, einmal einen unmittelbaren Blick in die Arbeit dieses aktiven Studios zu tun.

Der Weg führt nach Oldenburg zu einem Musica-Viva-Konzert innerhalb der Veranstaltungsreihe des Staatstheaters, ausgeführt vom Orchester des Radio Bremen unter Leitung seines Dirigenten Dr. Siegfried Goslich, des Hauptverantwortlichen für die Musikarbeit des Senders. Der Zettel verheißt vier Uraufführungen von Komponisten, deren Namen auch dem Kenner nicht durchweg geläufig sind, die in keinem Fall aber publikumssichere Attraktionen darstellen.

Erich Markhls Concerto serioso gehört zu jener spärlicher werdenden Strömung moderner Musik, die an vorklassischen Formtypen anknüpft. Man nimmt die konventionelle Satzfolge des historischen Orchesterkonzerts und die terrassenhafte Ablösung von Streichertutti und Soli zur Kenntnis. Wie bei Corelli und Händel, kein Zweifel, das Concerto grosso war hier schöpferischer Ausgangspunkt, soweit eine assoziierte und daher von außen gesehene Form dies überhaupt sein kann. So entsteht kaum mehr als eine gut geschriebene (aber eben geschriebene) Musik, tönendes Kunstgewerbe, modern eingefärbt, dem auch die befeuernde Wiedergabe nicht zur unmittelbaren Evidenz verhilft. Da rührt Hugo Distler (obwohl gerade er ja zu den Begründern jener Richtung gehört) in seinem Konzertstück für Klavier und Orchester tiefer an den Ursinn des Concerto, nicht als einer bereits stilisierten Form, als vielmehr der Ausgangslage zu einer neuen Abwandlung schöpferischen Spieltriebs. Form hin, Form her, dies Stück ist direkt in die Instrumente diktiert. Mag es auch zu spät kommen, um das Bild Distlers nach der instrumentalen Seite noch zu akzentuieren, mag auch die Melismatik, an der es reich ist, etwas unter der Originalität seiner Vokalmusik liegen, von der sie herkommt, bedeutsam und nachwirkend bleibt doch die Begegnung mit dieser Musik aus erster Hand.

Als Hauptwerk des Abends setzte sich fraglos Frank Wohlfahrts Suite zu dem Oratorium „Die Passion des Prometheus“ durch. Fast mit Verblüffung konnte man feststellen, wie sehr die Anwendung des Zwölftonprinzips noch alles offenläßt, wie unverbindlich die gemeinhin unterstellte Zuordnung von Zwölftontechnik und Abstraktion (Enthumanisierung, Verlust der Mitte) in Wirklichkeit ist. Man hörte die Reihen und versuchte ihren Abwandlungen zu folgen, war aber derweilen längst gefangen von einer Musik, die die Totalität der künstlerischen Botschaft geradezu programmatisch aussagt: „und verkündet Seinen Namen“, so beschließt der ekstatisch bewegte Frauenchor das Ganze. Ein Werk, an dessen Erlebnisernst ebensowenig gezweifelt werden kann wie an der Qualität seines bis in die letzte Note verantworteten Tonsatzes. Von dort führte der Weg zu Heimo Erbses „Impression“ in die frostige und dünne Luft artistisch bemeisterten Vakuums, in den Bereich athematischer Schreibweise, für die uns verläßliche Kriterien noch nicht zur Verfügung stehen.

Das Publikum, um das man die Oldenburger Veranstalter beneiden möchte, nahm die neuen Werke, die schon allein quantitativ ihre Anforderungen stellten, mit wacher Teilnahme entgegen, es erwies sich als frei von dem Anspruch des Urteilens und Richtens, der auch im großstädtischen Musikleben nur fragwürdiges Mißverständnis bedeutet. Es nahm die Haltung ein, die moderner Kunst gegenüber einzig fruchtbar ist: aufgeschlossen und bereit zu sein. K. G.