Der Aktienmarkt ist in sich flüssiger geworden, weil die Neigung der Kundschaft zu Gewinnmitnahmen, die im vergangenen Jahr, als die Kurse höher und höher stiegen, völlig gefehlt hat, jetzt in geradezu ausgeprägter Form vorhanden ist. Aber vielleicht ist der Berufshandel noch stärker auf Gewinnrealisationen eingestellt. Für ihn – von Spesen weitgehend unbelastet – ist es leichter, aus kleinen Schwankungen Nutzen zu ziehen. Die Bankenkundschaft ist durch die relativ hohen Unkosten gehandicapt. Zwar wollen die Banken in Zukunft ihre Gebühren senken, doch wird sich im Grundsätzlichen hier nichts wandeln.

Wie die Banken bestätigen, ist das Publikum weiterhin anlagefreudig, doch ist es heute nicht mehr bereit, jeden Kurs zu bewilligen. Immer wieder wird geprüft, inwieweit sich durch die zahlreichen in Aussicht stehenden Kapitalerhöhungen Möglichkeiten ergeben, zu noch besseren Bedingungen, als sie im Augenblick gegeben sind, das Geld unterzubringen Das Bezugsredit-Rechnen ist zur großen Mode geworden. In diesem Jahr sind bislang 48,25 Mill. DM neue Aktien untergebracht worden (der dafür aufgewandte Betrag liegt noch etwas höher) ein weiteres Nominal-Kapital von 409,45 Mill. DM liegt in den nächsten Monaten zur Zeichnung bereit. Eine solche Summe muß die Kursentwicklung bremsen, und deswegen erscheint es keineswegs abwegig, wenn man sich an den Börsen jetzt auf das „Kleingeschäft“ umzustellen beginnt. – Das Siemens - Bezugsrecht verspricht höchst lukrativ für die alten Aktionäre zu werden. Das Siemens-Kapital wird um 80 Mill. DM aufgestockt, also im Verhältnis 2:1. Der Ausgabekurs der neuen Aktien liegt bei 100 v. H. Legt man den Jetzt, gen Kurs für die Stammaktien zugrunde (262 v. H.) und zieht man davon die vermutliche Dividende für 1953/54 von 8 (oder 9?) v. H. ab, dann kommt man rechnerisch auf etwa 52 v. H. Bei der Demag ergibt sich theoretisch ein Bezugsrecht von 60 v. H., für Hoechst dagegen nur 29 v. H.

Trotz kleinerer Schwankungen blieb das Kursgefüge während der vergangenen Woche stabil. Bei der Mehrzahl der Hauptwerte sind sogar Gewinne von mehreren Punkten zu verzeichnen. Sonderbewegungen ergaben sich auf dem Montan markt bei Ruhrstahl (157–175). Im Vergleich zu anderen Papieren waren die Ruhrstahl-Aktien in letzter Zeit etwas vernachlässigt worden. Das wurde jetzt ausgeglichen. Im allgemeinen ist zu sagen, daß man bei Anlagekaufen die Gesellschaften bevorzugt, die bereits angemessene Dividenden gezahlt oder solche angekündigt haben. Damit waren jedoch Kursgewinne, bei der Thyssenhütte, Niederrheinischen Hütte und Harpener Bergbau, nicht ausgeschlossen.

Eine weitere Sonderbewegung ergab sich bei Cassella, die abermals um etwa 70 Punkte nach unten rutschten. (Höchstkurs zu Beginn dieses Monats 500, jetzt 320 v. H.). Offen bleibt noch immer, ob hier die Interessentenkäufe tatsächlich vorüber sind oder ob man nur einen Kaufstopp einlegte, um den Kurs zu drücken. Die gleiche Frage läßt sich bei Daimler stellen, die seit Wochen scharf angestiegen waren und bis 289 kamen, um dann plötzlich auf 265 v.H. zurückzufallen. – n d t.