h. z., Berlin

Gleichzeitig mit dem Engagement von westdeutschen Sängern wird der Wiederaufbau der Staatsoper Unter den Linden forciert vorangetrieben. Trotz scharfer Wintertemperaturen wächst der Theaterbau gegenüber der Humboldt-Universität schnell empor. Seit Jahresbeginn haben die Aktivistenbaukolonnen in der ehemaligen Frankfurter Allee, der jetzigen Stalin-Allee, ihre Arbeit fast eingestellt, während sich auf dem Baugelände der Lindenoper die Materialien häufen. Die unablässig propagierte neue Renommierstraße des „Demokratischen Sektors von Großberlin“ tritt neuerdings zugunsten der „Kulturfassade neuen Typus“ in den Hintergrund.

Die hartnäckigen Bemühungen des sowjetzonalen „Kulturministeriums“ gehen dahin, bis September 1955 den Bau zu beenden und zu diesem Zeitpunkt mit den Vorstellungen unter der künstlerischen Oberleitung von Professor Erich Kleiber zu beginnen. Der Wiederaufbau der Staatsoper wird, Abschnitt für Abschnitt, stilgetreu nach den Zeichnungen des Erbauers der Oper, des Architekten Friedrichs des Großen, Hans Georg von Knobelsdorff, rekonstruiert. Insgesamt wird der völlige Neuaufbau – nur die Außenmauern waren nach Kriegsende erhalten geblieben – annähernd 60 Millionen Ostmark kosten. Es ist der ausdrückliche Wunsch oder Befehl des Kulturministers Johannes R. Becher, die Atmosphäre des Prunks und des Luxus’, wie sie ehemals den Innenräumen des Hauses am Opernplatz eigen war, wiedererstehen zu lassen. Tatsächlich werden keine Kosten gescheut, um die sorgfältig ausgearbeiteten, der Öffentlichkeit aber nicht unterbreiteten Pläne zu realisieren. Es spielt keine Rolle, ob ein Gegenstand für die Innenausstattung des imposanten Foyers und des Zuschauerraumes – riesige Kronleuchter, dämpfende Teppiche – dreihundert oder fünfhundert Ostmark mehr kostet, als ursprünglich veranschlagt. Der Ausstattungsetat ist schier unbegrenzt. Ob ebensoviel Sorgfalt auf die Sicherung guter Akustik verwendet wird, soll sich noch erweisen.

Auf die optische Wirkung der neuerbauten Staatsoper, die zum ersten Ostberliner Dringlichkeitsbau erhoben wurde, wird jedenfalls der größte Wert gelegt, die Garderoben der Sänger und die Räume der Intendanz eingeschlossen. Die pompöse Edelholzwandtäfelung ist fast fertiggestellt und mit künstlerischen Schnitzarbeiten verziert, die sich von den traditionellen Farben der Oper, Gold, Rot und viel Elfenbein gut abheben.

Da in Westberlin die notwendige Summe von zehn Millionen Westmark für den Wiederaufbau des Deutschen Opernhauses am Richard-Wagner-Platz bisher nicht aufgebracht werden konnte, hatte es der sowjetzonale Kulturminister Becher leicht, vor der Ostpresse zu argumentieren, ein derartiges aufsehenerregendes Bauwerk wie die Staatsoper bringe eben nur das „sozialistische Friedenslager“ zustande, während der „kapitalistische Westen“ zur selben Zeit Kriegswaffen produziere, um das Friedenslager heimtückisch zu überfallen.

Nach Bechers Ansicht besteht die Aufgabe der Staatsoper darin, den „verhetzten Menschen zu beweisen, daß es in der DDR einen Wohlstand der Werktätigen gibt, der am Wiederaufbau von Kulturstätten zu messen ist, und daß es eine echte Sorge des Staates um den Künstler in der neuen sozialistischen Gesellschaft gibt“. Vor allem solle den unwissenden Ausländern vor Augen geführt werden, welche Anstrengungen der Sowjetsektor unternehme, um – „im krassen Gegensatz zu Westberlin“ – den „internationalen Charakter“ der Stadt zehn Jahre nach Kriegsende Unter den Linden recht auffällig zu betonen. In diesem Falle, meinte Becher, werde man künftig, ebenso wie in Dresden, keine finanziellen und materiellen Aufwendungen scheuen, um die „Pflege des nationalen Kulturerbes konsequent fortzusetzen“.