Köln, Ende Februar

Paul Hühnerfeld, ZEIT-Redakteur und Verfasser des ungewöhnlichen Jugendbuchs „Abfahrt 6.09 Uhr“, sah sich im Kölner Hauptbahnhof der vielhundertköpfigen Hydra des Buchhändlers Gerhard Ludwig gegenübergestellt. Jeden Mittwoch schnappt sie nach Namen und Themen des öffentlichen Lebens. Vom Bundesminister bis zum Attentäter sonnt sich hier die „Prominenz“ im Lichte der Publicity. Und nun plötzlich: ein Autor, nichts als ein Autor, der jung und schlicht mit seinen Lesern übers Jugendbuch sprechen wollte. Es zeigte sich, daß dieses Thema doch viele bewegt. Die meisten, die zu Worte kamen, sprachen sogar aus Erfahrung.

Ins Gericht ging Hühnerfeld mit den Pädagogen und den Anwälten der Sachlichkeit. Bis Erich Kästners „Emil und die Detektive“ erschienen, sei die Jugendliteratur in Deutschland die Geschichte des moralisch dozierenden Zeigefingers gewesen. Kästner habe dann mit mehreren Büchern bewiesen, daß ein gutes Kinderbuch sich nicht durch den Stoff, sondern durch die Haltung des Schriftstellers unterscheide von der Literatur für Erwachsene. Naiv und verhalten soll der Jugendautor erzählen, nicht mehr wissen, als was er schreibt, und die Moral von der Geschicht’ soll er möglichst unsichtbar verpacken. Zwei Sorten von Jugendbüchern, die überhandnehmen, fand Hühnerfeld überfällig: diejenigen, die den Eltern die Erziehung abnehmen, und jene „no fiction“-Bücher, die mit ihrer penetranten Sachkunde schon Zehnjährigen den Horizont verkürzen durch Fachliteratur. Zwar ist das belletristische Jugendbuch aus dem Schulbuch hervorgegangen, aber es soll über Pädagogik und Sachkunde hinausführen, soll den jungen Menschen mittels Phantasie zur Poesie leiten.

Die Väter, Mütter und vor allem einige charmante Großmütter nahmen in Köln dem Hamburger Doktor Hühnerfeld seine Apologie der Jugenddichtung nicht ohne weiteres ab. Sie erörterten hartnäckig, was von Struwwelpeter, von Max und Moritz, Swift, Defoe und anderen Standardnamen der Kinderstube zu halten sei. Auch der „Zeigefinger“ fand seine Verteidiger, denn Kinder schlucken alles, sogar die ärgerliche Nutzanwendung, wenn nur die Geschichte einfach, spannend und möglichst humorig ist. Den Anwälten des Sachbuchs von „Sabine im Funkhaus“ bis zur „Kunst des Stopfens“ räumte Hühnerfeld schließlich ein: Na, denn fifty-fifty; unabdingbar bleibt aber für die andere Hälfte die Bildung der Phantasie und eine immanente, nicht eine aufgesetzte moralische Wirkung: Solch ein Mensch wie der in der Geschichte möcht’ ich auch werden.

Das außergewöhnlich lebhafte Gespräch setzte sich auch mit einer Frage auseinander, die bei der deutschen „Umerziehung“ durch Besatzungsmächte mal eine Rolle gespielt hat. Man erinnert sich, daß unsere Schulbücher von den „Greueln“ der deutschen Märchen gereinigt werden sollten. Tatsächlich nahmen auch in Köln noch besorgte Erzieher Anstoß an Hexenverbrennung und bösen Stiefmüttern. Hier äußerte sich wohlmeinend ein moralischer Realismus, der die Jugend jedoch mit destilliertem Wasser ernähren will und vor lauter Redlichkeit platterdings das Happy-End verlangt. Mit erfreulicher Klarheit präzisierte Hühnerfeld hier seine poetische These: „Es passieren in deutschen Märchen keine Greueltaten. Gewisse symbolische Geschehnisse wirken heute nur grausam, weil sie für uns real geworden sind. Sollen wir deshalb die Märchen abstellen oder die Greueltaten?“ J. J.