Die Autobiographie von George Grosz, dem unerbittlichen Porträtisten einer europäischen Epoche, reicht von seinen Knabenjahren in Pommern über die Dresdener Lehrzeit und die großen künstlerischen Erfolge im Berlin der zwanziger Jahre bis zu der Anfangszeit in den Vereinigten Staaten, seiner zweiten Heimat. Das Buch wurde unter dem Titel „A little Yes and a big No“ in New York herausgegeben und erscheint demnächst, ergänzt und erweitert um das Kapitel seiner Reise nach Rußland im Jahre 1922, im Rowohlt Verlag. Die Beobachtungen auf der Rußlandreise veröffentlichte die Zeitschrift „Der Monat im Jahre 1953. Wir fahren heute mit den Aufzeichnungen über die Berliner Jahre nach dem ersten Weltkrieg fort, die, von einer solchen Persönlichkeit betrachtet, dem Leser auch heute bedeutungsvoll erscheinen werden. Deutsche Rechte im Rowohlt-Verlag

Wir waren wie Segelboote im Wind, mit weißen, mit schwarzen, mit roten Segeln. Manche Boote führten Wimpel, darauf sah man drei Blitze oder einen Hammer mit Sichel oder ein Hakenkreuz am Stahlhelm – auf die Entfernung sahen all diese Zeichen einander ähnlich. Wir hatten wenig Gewalt über unsere Boote und mußten fleißig manövrieren, damit sie bei dem herrschenden Sturm nicht umkippten. So manches Boot sahen wir schon kieloben treiben. Der Sturm tobte ununterbrochen, aber wir segelten drauflos; seine Melodie verstanden wir nicht. Wir wußten nur, daß ein Wind vom Osten hereinwehte und ein anderer vom Westen – und daß der Sturm um die ganze Erde blies ...

Aber auch wie ein brodelnder Kessel war die Hauptstadt unserer neuen deutschen Republik. Wer den Kessel heizte, sah man nicht; man sah ihn nur brodeln und fühlte die immer stärker werdende Hitze. An allen Ecken standen Redner. Oberall erschollen Haßgesänge. Alle wurden gehaßt: die Juden, die Kapitalisten, die Junker, die Kommunisten, das Militär, die Hausbesitzer, die Arbeiter, die Arbeitslosen, die schwarze Reichswehr, die Kontrollkommissionen, die Politiker, die Warenhäuser und nochmals die Juden. Es war eine Orgie der Verhetzung, und die Republik war schwach, kaum wahrnehmbar. Das mußte mit einem furchtbaren Krach enden.

Es war eine völlig negative Welt, mit buntem Schaum obenauf, den viele für das wahre, das glückliche Deutschland vor dem Anbruch der neuen Barbarei hielten. Fremde, die uns damals besuchten, ließen sich nur zu leicht durch das scheinbar sorglose, lustige, wirbelnde Leben an der Oberfläche täuschen, durch die Nachtlokale und die sogenannte Freiheit und Kunstblüte. Aber das war eben doch nur bunter Schaum, nichts weiter. Dicht unter dieser lebendigen Oberfläche, die so schön wie ein Sumpf schillerte und ganz kurzweilig war, lagen der Bruderhaß und die Zerrissenheit, und die Regimenter formierten sich für die endgültige Auseinandersetzung. Es war, als sei Deutschland in zwei Teile gespalten, und beide haßten sich wie in der Nibelungensage. Vorläufig redeten sie noch, jeder durfte reden, und alle redeten sie durcheinander.

Bei größeren Menschenansammlungen muß ich immer an Insekten denken. Ich bin nicht der erste, der diese Ähnlichkeit festgestellt hat, aber ich erschrak doch jedesmal ein wenig, wenn man sie von neuem wahrnahm. Zum Beispiel bei einem offiziellen Empfang: welches Bild einer durcheinanderwimmelnden Insekten weit! Wie buntschillernde Käferflügel sind die Kleider der Frauen, wie dunkle Mistkäfer dazwischen die Fräcke der Männer. Und welch insektenhafte Gefräßigkeit entwickeln alle vor vollbesetzten Büfetts! Unheimlicherweise kann man sich selbst nicht absondern. Man wird an- und hineingezogen und plötzlich auch in einen gierigen Käfer verwandelt, wie alle.

Ich sollte diesen Abschnitt eigentlich nicht mit einem so grotesken Vergleich beginnen, weil er nämlich einige Erinnerungen an einen Empfang in der russischen Botschaft in Berlin enthält. Und da es sich um eine Botschaft handelt, sollte man den Ton vielleicht etwas respektvoller halten. Nach dem glänzenden gesellschaftlichen Bild in den schönen, alten Räumen sind bei derlei Veranstaltungen bürgerliche Gesandtschaften kaum von den unbürgerlichen zu unterscheiden, und darüber runzelte mancher die Augenbrauen, wenn die Gastgeber Bolschewisten waren. Von denen wellte man, daß sie sich auch wie Bolschewisten benehmen sollten. Zog ein Bolschewist einen Frack an, so sah man darin neben der Entwürdigung des Festgewandes eine höchst zweideutige Verkleidung, denn im Frack sah der Bolschewist genau wie ein Kapitalist aus – und eben das war das Bedenkliche. Dennoch unterschied sich der Sowjetempfang von anderen, und zwar bereits auf der Straße. Im geschlossenen Riesenportal der Botschaft war eine kleine Tür: durch die wurde man eingelassen. Ein Botschaftsangestellter öffnete sie ganz schnell und schloß sie sofort wieder, wenn man drin war. Es hatte etwas Privates. Aha, dachte man, hier stehen die Türen nicht sperrangelweit offen. Auch keine Lorbeerbäume waren aufgestellt; statt dessen standen Neugierige auf dem Gehsteig Spalier, von Schutzpolizisten warnend zurückgewiesen, wenn sie sich zu sehr vordrängten. Man beeilte sich, so rasch wie möglich an den Neugierigen vorbeizukommen. In der Stille der Garderobe, schon mit dem Ablegen des Frackmantels beschäftigt, klang es einem noch im Ohr nach: „Jrüße ma Jenossen Trotzki!“ oder „Du, Jenosse, vajiß nich een paa Sowjetknallbonbons mitzunehm’!“ – Ein wenig mißmutig steckte man die Garderobenmarke ein und stieg die teppichbelegte breite Treppe hinauf zu den oberen Empfangsräumen. Eine vergrößerte Photographie, Lepins bekanntes Bild mit Mütze und Händen in den Taschen, hing da an der Wand. Man dachte an die Proleten draußen, die keinen Frack anhatten; natürlich, deshalb konnten die auch nicht so festlich gestimmt sein wie wir am Jahrestage der Oktoberrevolution. Wenn man dann wieder auf das Leninbild sah, hatte es sich plötzlich verwandelt: da stand Lenin im Frack und sah aus wie ein Modeblatt im Schaufenster eines feinen Herrenschneiders! Aber es war gar nicht Lenin. Es war der alte Bolschewist mit Spitzbart, der hier als Botschafter verkleidet die Honneurs machte und uns die Hände schüttelte.

Die Staffage, die Dekorationen und die prächtigen Räume waren dieselben wie zur Zeit der Botschafter des Zaren. In der Menge untergetaucht und mit gefülltem Teller und Champagnerglas von ihr umhergeschoben, gab man sich der Feststimmung hin. Ältere, nobel aussehende Diener, die wie gehorsame, gut erzogene Puppen aus einer anderen Epoche aussahen, bedienten würdevoll, unbeeindruckt vom Wandel der Zeit und der Manieren, kaum aufsehend, wenn ihnen von neugebrachtem Tablett die frischen Kaviarbrötchen buchstäblich unter den Händen weggegessen wurden. Da, wo die Kaviarbrötchen auf den vollen Tischen standen, drängten sich die Menschen wie ein Bienenschwarm.