Von Richard Tüngel

Julius Bab ist gestorben. Für uns ältere ist es schmerzlich, feststellen zu müssen, daß die junge Generation nicht weiß, welchen Verlust wir hier beklagen. Bab hat mehr als achtzig Bücher und Broschüren geschrieben, über Theater, Schauspielkunst und Literatur. Die Jungen, soweit sie nicht Spezialisten, Theaterbesessene oder Schauspieler sind, lesen diese Bücher, die längst vergriffen sind, nicht mehr. Und noch etwas anderes haben sie vergessen: Bab hat in – Berlin die „Volksbühne“ gegründet. Er war in der Alten Jakobstraße geboren, und den Arbeitern und Handwerkern, zwischen denen er aufwuchs, hat er durch diese Gründung die Möglichkeit verschafft, mit niedrigen Mitgliedsbeiträgen Karten für die Berliner Theater zu erwerben. Was er hier getan hat, aus menschlicher Anteilnahme heraus, ist zum Segen geworden für die Minderbemittelten, die er an die Welt des großen Theaters heranführte, die ihnen bisher verschlossen war. Was heute in jeder deutschen Kleinstadt existiert, eine Einrichtung, ohne die kein Theater mehr auskommen könnte, die Theatergemeinde, ob sie nun als Volksbühne oder in anderem Gewande auftritt, dankt ihr Bestehen Julius Bab.

Zum erstenmal habe ich ihn in Berlin 1936 getroffen. Seine Wohnung quoll über von Menschen, die emigrieren wollten und denen er bis zu ihrer Abfahrt ein Obdach bot. Sie vertrauten ihm alles an, woran ihr Herz hing und was sie nicht mitnehmen konnten. Und dieser großartige 6Bohème verstand ihre Not und nahm sich mit Humor ihrer oft sehr kleinen Sorgen an. Da gab es Menschen, die bangten um das Schicksal ihres Papageis oder ihres Lieblingshundes. Bab sorgte dafür, daß die Tiere bei Freunden untergebracht wurden. Und ebenso sorgte er für die Menschen, über die man in seinem Hause buchstäblich stolperte.

Im Jahre 1952 traf ich Julius Bab in den USA wieder. Ihm galt der erste Besuch, den ich nach meiner Ankunft in New York machte. Das war in Roslyn Heigths auf Long Island. Wir zogen uns sehr bald in sein Studio zurück. Zwei Zimmer in dem typisch provinziell amerikanischen Holzhaus waren an den Wänden bis zur Decke mit Büchern vollgestopft. Wir sprachen nicht über das heutige Deutschland, wir sprachen über Shakespeare. Anlaß dazu gab das gerade auf deutsch erschienene Buch von Lilian Winstanley mit dem Titel „Hamlet, Sohn der Maria Stuart“. Bab lehnte die These, daß der Hamlet ein Schlüsselstück sei und in seiner Gestalt König Jakob I. sich verberge, schroff ab. Und es erfolgte ein Kolleg über Shakespeare, das mir unvergeßlich bleiben wird.

Er erzählte, daß er die Komödie „Wie es Euch gefällt“ genau erforscht habe. Die umfangreiche Novelle, die dem Stück zugrunde liegt, habe er mit viel Geduld durchgearbeitet und dabei gefunden, daß Shakespeare seitenlang den Dialog seiner Quelle nahezu wörtlich verwandt habe. Dies sei auch bei anderen Stücken im Verhältnis zu den Quellen festzustellen. Darin eben zeige sich Shakespeares erstaunliche Genialität. Er habe Geschriebenes übernehmen können, aber wie mit der Berührung durch einen Zauberstab habe er ausAsche Gold geschaffen. Wir saßen uns an dem kleinen Schreibtisch gegenüber, und rechts von uns hing an der Wand das weitgehend unbekannte – Shakespeare-Porträt der Bibliothek in Washington, ein wunderbares Bild der jakobinischen Zeit, das, so sagte Bab, unserer Vorstellung so sehr entspricht, daß wir es für echt halten können. Seit jenem Tage hat er für unsere Zeitung Berichte über das amerikanische Theater geschrieben. Julius Bab hat sich nie aus dem Element, in dem er lebte, der deutschen Sprache, hinausentwickeln können. Er war so deutsch, daß auch fünfzehn Jahre Emigration ihn nicht lehren konnten, amerikanisch zu schreiben. So konnte er – anders als andere, glücklichere Emigranten – niemals ausreichend Geld verdienen. Er mußte von Roslyn auf Long Island täglich zwei Stunden, teils mit dem Auto, teils mit der Bahn, nach New York fahren, um sich dort ein bis zwei Filme oder eine Premiere am Broadway anzusehen und dann zu Hause nach abermals zwei Stunden Fahrt Kritiken für die „New York Staats-Zeitung“ zu schreiben. Das ging schon damals, als wir uns sahen, über seine Kräfte. Im Sommer des letzten Jahres erlitt er einen leichten Schlaganfall, jetzt ist er einem Herzschlag erlegen.

Seine Frau – Babette, wie die Freunde des Hauses sie nennen – ist nun, fast achtzigjährig, bitterer Armut ausgesetzt. Sie wird die Bibliothek von Julius Bab verkaufen müssen, die jeder deutschen Theater- und Stadtbibliothek zur Zierde gereichen würde. In den Vereinigten Staaten aber heißt dies praktisch, einen Schatz verschenken. Gibt es eigentlich in der Bundesrepublik noch Menschen, die begreifen, daß gegenüber einem so begeisterten Deutschen, wie es der Jude Julius Bab war, eine Ehrenpflicht existiert, die man nicht leugnen kann? Gibt es vielleicht einen Fonds beim Bundespräsidenten oder beim Bundeskanzler, bei einer Landesregierung oder einer Organisation gutverdienender Unternehmer, aus dem man der Frau von Julius Bab helfen könnte, in den USA ihr Leben wenigstens zu fristen?