Ein Buch wirkt oft interessant durch die Umgebung, in der es gewachsen ist. Italien bildet zum Beispiel für die moderne Literatur einen fruchtbaren Humusboden, weil seine Menschen künstlerischer als in vielen anderen Ländern und seine Künstler beweglicher sind, sich schillernder zeigen. Die Renaissance war ein Wegweiser, der sich weder durch die „Poesie zur Dämmerstunde“ roch durch den Futurismus abbrechen ließ. Aber vor diesen beiden Richtungen hat Pirandello die Lealität pessimistisch neu entdeckt und ebnete die breite Straße für einen Nihilismus, der durch den Krieg gerechtfertigt schien und dessen Bakterienkulturen das Treiben einer gewissen Gesellschaftsschicht ebenso sind wie die unheilvollen Zwangsideen der kommunistischen Selbstkritik. Kein Wunder, daß seine verfeinerte Form bei den älteren Schriftstellern oft zu einer gewollten „Dekadenz“ wird, die im Seidenpapier einer geschliffenen Sprache verblüfft. So geschieht es jedenfalls in den crei Erzählungen von

Mario Soldat! „Die geheimen Gründe“, erschieren im Piper-Verlag, München, 12,80 DM,

die drei Schicksale zeigen. Das Thema des ersten Schicksals ist einen Seufzer der Bewunderung wert. Der berühmte Dirigent W. trifft während des amerikanischen Vormarsches in einem abgelegenen Kloster einen talentlosen, ehrgeizigen Musiker, der sich von biederen Mönchen und Dörflern als Genie feiern läßt. Statt ihn jedoch kurz und bündig bloßzustellen, gönnt er dem anderen die Maskerade.

Man glaubt aber nicht recht an die edle Absicht des Herrn W., eine einfältige Seele zu schonen und spürt Mario Soldatis sublimes Vergnügen, eine besondere Form der Eitelkeit darzustellen.

In der dritten Erzählung (die zweite ist nicht so stark) greift Soldati nach den Sternen der Dauer. Wenn auch sein Dichterarm nicht lang genug ist, so denkt man sich die fehlende Größe, bis er Maupassant die Hand reichen kann, gern hinzu. In dieser letzten Erzählung läßt er einen jungen italienischen Maler und Taugenichts, der ohne jegliche Eichendorffsche Romantik faul ist, spurlos verschwinden, und eine englische Miß weint ihm mit dem ganzen Elan ihrer alternden Exzentrik nach, während ein väterlicher Freund sich von der erhabenen Trauer seiner unerfüllten Liebe zum Trottel machen läßt. Später stellt sich heraus, daß der Maler die Engländerin dennoch liebte, aber zu schwach war, sich aus den Klauen zweier freudiger Mädchen, die ihn „strichweise“ ernährten, zu befreien. Dieses durchaus nicht sittsame Sittenbild eines Gemüts im Pfuhl der Unentschlossenheit ist so gut dargestellt, daß man vor Ärger in die Handlung eingreifen möchte. i. j.

Unserer heutigen Ausgabe liegt ein Buchprospekt des Verlage Erwin Hagen, 13 b Freilassing/Obb., bei.