In absehbarer Zeit wird es kein Bundes-Erziehungsministerium geben. Das haben die sechs Ministerpräsidenten der deutschen Länder und die drei Regierenden Bürgermeister von Berlin, Hamburg und Bremen bei ihrer Konferenz in Düsseldorf erreicht. Von den neun Regierungschefs gehört freilich keiner den beiden Parteien an, die ein Bundes-Kultusministerium gefordert hatten. Was FDP und DP zu ihrem Ruf nach einer Bundesinstanz auf pädagogischem Gebiete veranlaßt hatte, haben die Länderchefs wenigstens zum Teil aus eigener Initiative zu lösen versucht. Ihr Abkommen über den Schulzeitbeginn am 1. April, die Festsetzung der Ferien auf 85 Tage im Jahr, die Vereinheitlichung der Schultypen und die Einigung auf Englisch als erste Fremdsprache ist gewiß keine „Schulreform“, aber es ist immerhin ein Schritt aus dem Schulchaos, in dem sich seit 1945 die deutschen Schulen zum Verdruß von Eltern, Schülern und Lehrern bewegt haben.

Man mag es den Länderchefs als Flucht nach vorne vor dem drohenden Druck des Bundes oder als Ausdruck ihrer föderalen gemeinsamen Verantwortung auslegen: sie haben sich mit diesem Beginn einer gemeinsamen deutschen Schulordnung selbst aus den Zirkeln eines falsch verstandenen und falsch praktizierten Föderalismus befreit. Denn nach der Reichsübersättigung, die Hitler bewirkt hatte, war die Pflege der kleinen und kleinsten Kultur-Individualitäten das Signum für eine Vielzahl von „Kulturpolitiken“ geworden. Nicht selten hatte sich dieser Drang mit dem reeducation-Wunsch einer Besatzungsmacht gemischt. So kamen die deutschen Kinder in immer ärgere schulische Schwierigkeiten; denn nicht nur gingen die Schultypen in der Bundesrepublik in die Dutzende, auch ihre Lehrstoffe unterschieden sich voneinander. Lehrpläne und Lehrbücher waren überall verschieden, über hundert Fibeln bewarben sich um die Schulanfänger, Schuljahre und Ferienzeiten klafften auseinander – es entstand ein komplettes Schul-Durcheinander. Eine gemeinsame Instanz, die Ordnung hätte schaffen können, gab es nicht. Die „Ständige Konferenz der Kultusminister der deutschen Länder“ suchte in die Bresche zu springen. Auf ihren Zusammenkünften war die Schulnot wohl stets das Generalthema. Doch hier trafen sich ja gerade die Repräsentanten der kulturellen Vielstimmigkeit. So brauchten sie viele Jahre, um das Kompromiß zu finden, dem die Länderchefs jetzt zugestimmt haben.

Sie haben mit ihrem Vorschlag den „Deutschen Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen“ überrundet. Zwar hatte dieser Ausschuß, an dessen Arbeiten viele bedeutende Pädagogen, Wissenschaftler und Publizisten teilnehmen, bei weitem nicht Befugnis und Auftrag wie die Minister der Länder; doch gaben ihm die Persönlichkeiten, die ihm angehörten (vor allem Theodor Litt) die Autorität, wenigstens das Programm eines künftigen deutschen Schul- und Erziehungssystems zu entwerfen. Ein Stück dieses Programms liegt jetzt in seinem „Gutachten zur politischen Bildung und Erziehung in den Schulen“ vor. Ob seine Vorschläge allerdings die Lehrer auch erreichen und welcher Gebrauch von ihnen gemacht werden wird, fragt sich noch. Denn die von der Ministerpräsidenten-Konferenz beschlossenen Vereinheitlichungen sind ja noch nicht Wirklichkeit. In den allermeisten Fällen müssen die Länderparlamente erst ihre Zustimmung geben. Und schon das erste Übereinkommen, wonach zukünftig das deutsche Schuljahr gleich nach Ostern beginnen soll, ist in Bayern noch nicht der Zustimmung des Landtags sicher. Kultusminister Rucker, die Bayernpartei und manche andere Gruppen wollen sich mit dieser für Bayern neuen Regelung nicht abfinden und weisen darauf hin, daß die meisten europäischen Länder das Schuljahr im Herbst beginnen lassen.

Für die Höhere Schule hatten die Reformer von Düsseldorf weit mehr als organisatorische Probleme zu lösen. Und hier waren sie auch, so lautlos ihre Entscheidungen nach außen hin wirken mögen, ungleich mehr dem Zuspruch, der Beschwörung, der Warnung, dem Ratschlag und der Einflüsterung ausgesetzt. Daß in Zukunft nur fünf Formen der Höheren Schule von den vielen bisherigen übrig bleiben sollen, ist einem guten Maß von Einsicht und Erkenntnis zu danken wie der beinahe taktische Einfall, jede dieser Typen unter dem vertrauten und vertrauenweckenden Begriff „Gymnasium“ zu bergen.

Doch die Kenner der humanistischen deutschen Bildungstradition werden feststellen müssen, daß nur noch in einer der fünf Schultypen dieses Gymnasiums, im altsprachlichen Gymnasium, mit Latein begonnen werden, daß aber in allen vier anderen Typen, nämlich im neusprachlichen und im naturwissenschaftlichen Zweig der „Langform“ (bis zum Abitur) und in den beiden Zweigen der „Kurzform“ (bis zur mittleren Reife) mit Englisch angefangen werden soll. Die Regelung läßt allerdings auch Ausnahmen zu, in denen das Latein als Anfangssprache noch eine Chance hat: dort nämlich, wo in einem Schulbezirk eine ausreichende Anzahl von Schulen des mit Englisch beginnenden Normaltyps vorhanden ist. In solchen Fällen – hier ist wohl vor allem an die Bedürfnisse der dem romanischen Sprachbezirk nahen deutschen Landschaften gedacht – kann auch mit Französisch begonnen. werden.

Von Ostern 1957 an sollen, wenn die Länderparlamente zu der Düsseldorfer Regelung Ja sagen, nur noch diese Schultypen existieren. Der organisatorische Effekt, der mit solcher ersten Vereinheitlichung im groben Umriß erreicht werden soll, wird Bedeutung haben. Eltern, die genötigt sind, ihren Wohnort zu wechseln, werden es in einigen Jahren spüren. Aber gerade die Organisation im schulischen Bereich braucht viel Zeit. Ehe man sie an sich und seinen Kindern gewahr werden wird, wird noch mancher alte Kummer zu verschmerzen sein. Und ob sich überhaupt in diesen formellen Änderungen auch eine Konzentrierung der Bildungsgehalte erreichen läßt, das hängt davon ab, ob sich mit dem Willen zur organisatorischen Vereinfachung auch der Wunsch nach innerer Reform verknüpft, wie der „Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen“ sie für die deutschen Schulen anbahnen möchte. Karl Willy Beer