Als geschickter und erfolgreicher Unterhändler auf internationalen Konferenzen hat sich der Bankier Hermann J. Abs ein weit über die Bundesrepublik hinausreichendes Renommee geschaffen. Deshalb führt er auch die deutsche Delegation, die in diesen Tagen in Washington mit den Amerikanern über die Freigabe des im Kriege beschlagnahmten deutschen Vermögens verhandelt. Seine Fähigkeit zu raschen Entschlüssen, sein Gefühl für Nuancen, seine natürliche Sicherheit im Ausdruck bewahren ihn auch in schwierigen Situationen vor Fehlgriffen. Er versteht es, heikle Lagen durch ein brillantes Aperçu zu entspannen. Es gibt nicht viele Männer dieses Könnens in Deutschland. So ist es auch kein Wunder, daß Abs mit allen möglichen vermeintlichen Plänen des Bundeskanzlers in Verbindung gebracht wird, als dessen Ratgeber und Vertrauensmann er seit langem gilt. Die einen sahen in ihm schon den künftigen Staatssekretär des Auswärtigen; andere wieder glaubten zu wissen, daß ihn der Kanzler später zum Außenhandelsminister machen wolle. Die Tatsache, daß er auf den Wunsch Dr. Adenauers auf dem letzten Parteitag der CDU demonstrativ herausgestellt wurde und dort das wirtschaftspolitische Referat hielt, gab solchen Gerüchten neue Nahrung.

Ob dieser kluge Mann an derartigen politischen Plänen wirklich interessiert ist? Man hat eher den Eindruck, daß ihm der bedeutsame Einfluß, den er in seinem bisherigen Wirkungsbereich hat, genügt. Wenn es um finanzielle Fragen großen Stils geht, gehört er fast immer zu den Hauptakteuren, bald im Vordergrund, wie bei der Londoner Schuldenkonferenz, bald auch im Hintergrund. Bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (1948–1954) war er der maßgebende Mann und lenkte also den Geldstrom, der aus den Gegenwertmitteln des Marshallplans kam, in die gewerbliche Wirtschaft. Die neue Zentralisation der Großbanken war vor allem sein Werk; nach ihrem Abschluß übernahm er die Leitung des süddeutschen Nachfolgeinstituts der „Deutschen Bank“. Die bisher größte oder doch sichtbarste Aufgabe war ihm als Leiter der deutschen Delegation auf der Londoner Schuldenkonferenz gestellt. Gute persönliche Beziehungen zur ausländischen Geschäftswelt und die konziliante Sicherheit seines Auftretens haben ihm die Lösung dieser Aufgabe erleichtert. Sein Ziel war, zu einer Schuldenregelung zu kommen, die der Wirtschaft der Bundesrepublik im Ausland Kreditwürdigkeit verlieh. Das ist ihm, wenn auch unter Opfern, im Endeffekt wohl gelungen.

Was Abs zu dem Thema der „veränderten wirtschaftlichen Stellung Deutschlands in der Welt“ auf dem CDU-Parteitag in Köln zu sagen hatte, zeigte ihn als klugen Beobachter menschlicher Schwächen und Fehlrechnungen im kleinen wie im großen – und es war ein Genuß, zu hören, wie charmant er dies zu sagen wußte, gerade wenn es sich auf Anwesende bezog.

Abs wurde als Sohn eines angesehenen Juristen in Bonn geboren. Er studierte zuerst Jura und sammelte dann, zum Bankfach überwechselnd, in London, Paris, Amsterdam und in den Vereinigten Staaten seine ersten Erfahrungen in der Welt der internationalen Großfinanz. Er machte rasch Karriere. Mit 27 Jahren trat er im Januar 1929 bei Delbrück, Schickler & Co. in Berlin ein. Fünf Jahre später war er bereits Teilhaber. Mit fünfunddreißig Jahren wurde er in das Direktorium der Deutschen Bank berufen, wo er vor allem das Auslandsgeschäft bearbeitete. Schon damals galt er als einer der besten deutschen Kenner des Problems der Stillhalte-Abkommen.

„Ich fühle mich in einer Konferenz auch noch nach zehn oder fünfzehn Stunden wohl“, soll er einmal gesagt haben. Der sportliche, elegante Mann ist auf seinem Landsitz bei Remagen ebenso selten zu erreichen wie im Frankfurter Büro; denn er ist meistens in Geschäften unterwegs: in seiner Hand sind 23 Aufsichtsratsämter vereinigt. In neun Aufsichtsräten ist er Vorsitzender, und nicht wenige seiner bedeutendsten Aufsichtsratsmandate verdankt er dem besonderen Maß von Vertrauen, das ihm ausländische Majoritätsbesitzer deutscher Großunternehmen entgegenbringen. Ehe er im Dezember 1948 als stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates der damals neu geschaffenen „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ in den Vorstand dieses Instituts delegiert wurde, galt er einige Zeit als aussichtsreichster Kandidat für den Präsidentenposten bei der Bank deutscher Länder. An Stelle der „Dioskuren“ Abs und Schniewind wurden aber dann Geheimrat Dr. Vocke und Dr. Bernard an die Spitze der deutschen Währungsbank berufen, weil nämlich, wie es in den sogenannten eingeweihten Kreisen damals hieß, Abs und sein Bankierkollege Schniewind nicht das Vertrauen hatten, daß die neue D-Mark-Währung bei den unzulänglichen Vollmachten, die der Zentralbankleitung damals von den Alliierten zugebilligt worden waren, stabil erhalten werden könne.

Es wird Abs nachgesagt, daß er, ein amüsanter Gesellschafter, nie um eine schlagfertige Antwort verlegen sei. Es soll nicht ratsam sein, sich mit ihm in ein Wortgefecht einzulassen, so sicher sitzen seine Pointen. Freilich hat man mitunter den Eindruck, als ob die geschliffenen Formulierungen, mit denen er brilliert und in denen er sich mit spielerischer Leichtigkeit gefällt, von ihm nicht minder wichtig genommen würden, als die Sache, um die es eigentlich geht. Robert Strobel