Die Industriegewerkschaft Bergbau führt ihren neuesten Lohnvorstoß wenig verantwortungsbewußt. Ganz offensichtlich mangelt es an allgemein als gerecht empfundenen Gründen. Niemand weiß besser als der Vorstand der IG Bergbau selbst, daß weder die Lohn- noch die Indexentwicklung der Lebenshaltung auch nur entfernt die jüngste Lohnforderung von 12 v. H. untermauern könnten. Zwar begründet die IG Bergbau ihre Lohnforderung mit der Preisentwicklung, vor allem aber mit dem schon langweiligen Argument, wonach die Löhne des Bergbaues wieder einmal zurückgeblieben wären und der Bergmann nicht mehr an der Spitze der Lohnskala stehe ...

Ist aber diese statistische Beweisführung der IG Bergbau auch wirklich der Grund? Nein! Der echte Grund liegt ganz woanders. Im August 1955 findet der Delegiertenkongreß der IG Bergbau statt. Die radikalen Strömungen, von den Politikern aus eigensüchtigen Motiven geschürt, werden das Bild bestimmen. Man muß also dem „rasenden Volke“ etwas hinwerfen. Jedenfalls hat Heinrich Imig kürzlich eine kleine Schar getreuer und – wie er selbst sagte – „rechtgläubiger Journalisten“ um sich versammelt und ihnen offen gesagt, daß ihm der bevorstehende August-Kongreß Sorge bereite und man zur Sicherung der Stabilität der Vorstandsführung bei der IG Bergbau „etwas bieten müsse, und zwar – höhere Löhne“.

Funktionärsstabilität wäre also die eigentliche Triebfeder einer zwölfprozentigen Lohnforderung! Das spricht nicht für Verantwortungsbewußtsein. Die Suche nach einer Begründung führte nun zu dem statistischen Spielchen an der Lohnpyramide. Was dabei herauskam, ist unseriös. Man sagt, die Stahlarbeiterlöhne lägen im Schnitt bei 2,40 DM die Stunde, der Bergarbeiterlohn aber nur bei etwa 2,20 DM die Stunde. Also herauf damit. Es lohnt sich jedoch, beide Durchschnittslöhne genauer zu betrachten. Dies tut zwar niemand gründlicher als die volkswirtschaftlichen Abteilungen oder die lohnpolitischen Referate der Industriegewerkschaften selbst. Um so erstaunlicher mutet es daher an, mit welchen Mätzchen man eine grobe Massentäuschung vorführen will.

In der Durchschnittszahl der Stahlarbeiterlöhne, die man vom November 1954 genommen hat, sind z. B. die zwei bezahlten und praktisch voll durchgearbeiteten Feiertage Bußtag und Allerheiligen mit den hohen Feiertagsaufschlägen enthalten. Bekanntlich wird in der Stahlindustrie in beträchtlich größerem Umfang feiertags gearbeitet als im Bergbau. Ferner sind in der Durchschnittsrechnung bei Stahl nicht die Lehrlinge enthalten, wohl aber beim Bergbau, wie man uns sagte. Es ist auch nicht richtig, wenn man bei einem solchen Vergleich die Löhne der Untertage- und Übertagearbeiter zusammenfaßt.

Niemand bestreitet dem Bergmann das Recht, an der Spitze der Lohnpyramide zu stehen. Aber diese Spitzenstellung kann und darf sinnvoller- und gerechterweise nur für den Mann unter Tage gelten. Der Facharbeiter am Hochofen, im Drahtwerk, an den Walzenstraßen ist in seiner Leistung um keinen Deut geringer zu bemessen als der Übertagearbeiter auf den Zechen. Jede Diskussion über die Bergarbeiterlöhne sollte daher an dieser Stelle eine Cäsur einlegen. Der Lohnanreiz hat für die Untertagearbeit seine Berechtigung. Die Muschelei mit Durchschnittszahlen und hingebogenen Vergleichen trübt das Gesamtbild und schwächt die Überzeugungskraft der gewerkschaftlichen Argumente erheblich.

Das Beispiel Schwedens, wo auf Empfehlung der sozialdemokratischen Regierung die Arbeitgeberorganisationen aufgefordert wurden, fast die gesamte Arbeiterschaft, nämlich rund 500 000 Lohnempfänger auszusperren, wenn die gewerkschaftliche Lohnpolitik nicht endlich auf die Belange der Gesamtwirtschaft Rücksicht nehme und das Inflationieren der Wirtschaft gebremst werde, sollte auch in Deutschland beachtet werden. Die schwedische sozialistische Regierung denkt und handelt jedenfalls genau umgekehrt wie der DGB, dessen Sprecher Max Wönner-Nürnberg als erster Vorsitzender des DGB-Landesbezirkes dieser Tage sagte: „Wir werden bewußt und prägnant die Begehrlichkeit des arbeitenden Menschen Deutschland steigern ..., um die Unternehmer so unter Druck zu setzen, daß die entstehende Hitze ihr Gehirnschmalz flüssig hält!“– Kommentar überflüssig, lt.