Überragend früh hat sich die Änderung des Exportbonusin Brasilien und die damit zusammenhängende rückläufige Preisentwicklung für alle mittelamerikanischen Kaffeesorten auch in der Bundesrepublik auf die Kaffeepreise ausgewirkt, nachdem sie bereits seit einigen Wochen in den USA den bisher niedrigsten Stand seit zwei Jahren erreicht hatten. Normalerweise hätten wir noch sechs bis acht Wochen warten müssen; erst dann ist nämlich mit dem Eintreffen der billigeren Kaffeelieferungen in Hamburg und Bremen zu rechnen. Aber die westdeutschen Kaffeehandels-Experten wollten einmal besonders großzügig sein. Wahrscheinlich rechnen sie mit einem erhöhten Umsatz und ergo gleichbleibendem Geschäftserfolg. Die beachtliche Senkung der Einzelhandelspreise kommt dieser Rechnung sehr entgegen: sie beläuft sich je Sorte von 0,60 bis 1,40 DM je 500 Gramm.

Die Entwicklung der Teepreise verläuft leider ganz entgegengesetzt. Von Ende Dezember 1953 bis Anfang Februar 1955 ergab sich an den Weltmärkten eine Preissteigerung von 77,5 v. H. Die Ursache ist darin zu suchen, daß der englische Verbrauch nach der Aufhebung der Bewirtschaftung ungewöhnlich stark zugenommen hat, daß die USA Anfang 1954 als (erfolgreiches) Preisdruckmittel gegenüber dem Kaffeeland Brasilien eine über Erwarten eingeschlagene Teepropaganda starteten und daß Indien, das rund die Hälfte der gesamten Welt-Teeproduktion stellt, einen Eigenkonsum entfaltete, mit dem man nicht gerechnet hatte.

Das Emporschnellen der Teepreise hat auf der britischen Insel erhebliche Proteste ausgelöst; auch bei uns werden sie nicht ausbleiben, da der deutsche Teehandel erklärt hat, das bisherige Auffangen der Preiserhöhungen auf Grund der neuerlichen Steigerungen nicht mehr durchhalten zu können. Sehr vernünftig reagierte der Londoner Hausfrauenverband: er rief zu einer freiwilligen Verbrauchsbeschränkung“ auf, weil der Tee in England heute doppelt so teuer ist wie noch vor drei Jahren und dreimal so teuer wie vor dem Kriege. Das will bei dem erheblichen britischen Teeverbrauch – es sind genau zehn Pfund je Jahr und je Einwohner – allerlei heißen...

Uns scheint dieser Weg der einzig gangbare zu sein; haben doch die Amerikaner mit ihrer Reaktion auf die erhöhten Kaffeepreise dieses Experiment bestens vorexerziert. Wenig sinnvoll durfte dagegen das Verlangen jener Labour-Abgeordneten sein, die im britischen Unterhaus einer Teepreisbewirtschaftung oder preisermäßigenden staatlichen Subventionen das Wort redeten. Sie liegen mit ihren Forderungen auf der gleichen (schiefen) Ebene wie unsere SPD, in der man gegen ungerechtfertigte Preisentwicklungen die Wiedereinführung des Preistreibereiparagraphen im Wirtschaftsstrafgesetz propagierte... ww.