Elternabend in der 3. Klasse einer Hamburger Grundschule für Knaben. Das Klassenzimmer ist voll. Auf den Schulbänken sitzen Väter, Mütter und auch Großmütter, und schon vor dem Eintreten des Klassenlehrers geht es lebhaft zu.

„Wir müssen heute in aller Deutlichkeit verlangen, daß kein Lehrerwechsel stattfindet“, sagt einer der Väter, und eine Mutter meint: „Es soll endlich dabeibleiben, daß die Klasse ihren jetzigen Lehrer nicht nur in diesem Schuljahr, sondern bis zum Ende der ganzen Grundschulzeit behält!“

„Es sollte vor allem nicht wieder vorkommen“, verlangt ein junger Vater, „daß eine Lehrerin die Klasse leitet.“

Das Erscheinen des Lehrers unterbricht die temperamentvolle Unterhaltung, die nun in eine bemerkenswert sachliche Diskussion zum Thema Schule – Elternhaus übergeht. Dabei werden folgende Feststellungen von allgemeinem Interesse getroffen:

Ein (oder gar mehrere) Lehrerwechsel während eines Schuljahres in der Grundschulzeit ist grundsätzlich von Nachteil für die Schüler. Oft läßt bei einem Lehrerwechsel die Lernfreudigkeit der Kinder nach und die Schülerleistungen gehen zurück. Wird ein Lehrer durch eine Lehrerin abgelöst, läßt nicht selten auch die Schülerdisziplin nach, wodurch die allgemeine Klassenmoral absinkt. Die meisten Knaben wollen einen Lehrer haben. Lehrerinnen sind, so glauben viele Jungen, nicht so kameradschaftlich wie Lehrer, haben weniger Verständnis für jungenhafte Missetaten, strafen zu viel und geben mehr Schularbeiten auf...

Es mag zum sehr großen Teil auf kindlichen Unverstand zurückzuführen sein, wenn neun- bis zehnjährige Schüler zu Hause so reden und ihre Eltern dazu bringen, dies dem Lehrer weiterzureichen. Nicht selten aber ist die instinktive Ablehnung des weiblichen Geschlechts, die so vielen Knaben eigen ist, unüberwindlich. Die Schule, die Schulbehörde, weiß das natürlich, aber sie hat nicht die Möglichkeit, alle Wünsche zu erfüllen.

Wie die Eltern bedauern auch die Schulleitungen, wenn der Lehrerwechsel ein- oder mehrmals innerhalb kurzer Zeit unvermeidlich ist und wenn ein bei seinen Schülern beliebter Lehrer plötzlich aus irgendwelchen zwingenden Gründen durch eine Lehrerin abgelöst werden muß. Keine Schule entschließt sich gern zu einer solchen Unterbrechung der Kontinuität des Unterrichts und eines gut entwickelten Kontaktes zwischen Schülern und Lehrer. Warum es dennoch immer wieder geschieht, trifft einen Kernpunkt des gesamten Schulproblems unserer Zeit: es gibt zu wenig Lehrer.