Von L. J. Sonne

Überall ist der Ruf nach vermehrter Leistung zu vernehmen. Gemeint ist nicht nur die Leistung der Maschine, sondern auch die des Menschen. Auf Grund eingehender wissenschaftlich fundierter Untersuchungen werden neue Wege gewiesen, um Leistungssteigerungen zu erzielen.

Zweifellos wären unsere Zivilisation und Technik ohne gewaltige Leistungen nicht denkbar. Auch ist nicht zu bestreiten, das einzelne und Völker heute besonders viel leisten müssen, um den Konkurrenzkampf zu bestehen. Es fragt sich nur, ob eine weitere Steigerung dieser Tendenz in jeder Hinsicht zu vertreten ist.

Für die Maschine kann diese Frage bejaht werden. Es liegt im Weste jeder technischen Erfindung, soweit vervollkommnet zu werden, bis das Äußerste an Leistung erreicht ist. Da dieser Prozeß noch keineswegs abgeschossen ist, werden weitere Leistungssteigerungen bei unseren Maschinen und Motoren erfolgen müssen. Beim Menschen selbst stößt die Forderung nach weiterer Leistungssteigerung aber auf erhebliche Bedenken. Bei allem Verständnis für die gesteigerten Anforderungen unserer Zeit an Güte und Menge der geleisteten Arbeit muß festgestellt werden: das Maß dessen, was der menschlichen Natur zugemutet werden kann, wird heute vielfach überschritten. Aus unserem technischen Denken heraus versuchen wir, unsere Arbeitsweise dem ununterbrochenen Gleichtakt unserer Motore anzupassen. Die Tatsache, daß der Mensch ein Organismus ist, wird dabei oft übersehen. Jeder Versuch, den Menschen mechanischen Gesetzen unterzuordnen, muß früher oder später eine Revolte der menschlichen Natur auslösen ...

Die ersten Warnzeichen sind da. Führende Leute, hauptsächlich aus den Arbeitsbereichen der Wirtschaft, Technik und Verwaltung, werden in den besten Jahren mitten aus ihrer Tätigkeit gerissen. Die viel diskutierte „Managerkrankheit“ fordert immer neue Opfer. So beträgt die Sterberate an leitenden Wirtschaftsführern in der Altersklasse 55 bis 60 Jahre mehr als 50 v. H. derjenigen der Durchschnittsbevölkerung, wie Prof. Dr. med. O. Graf vom Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie feststellt.

Man sagt, wir seien Kinder unserer Zeit und hätten alle Folgerungen der Technik zu bejahen. Gewiß können wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Es ist aber nicht einzusehen, weshalb wir uns dadurch Schaden zufügen sollen, daß wir Sklaven unserer Technik werden, statt ihre Herren zu bleiben.

In der gesamten Natur herrscht das Gesetz des Rhythmus: Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Betriebsamkeit und Ruhe. Eine Kraft wird erst ermöglicht durch das Vorhandensein einer ihr entgegengesetzten Komponente. Auch der Mensch bildet im Zusammenspiel seiner geistigen, seelischen und körperlichen Kräfte keine Ausnahme von dieser Regel. Wenn er annimmt, sein Leben könnte sich in den aktiven Prozessen des Denkens, Wollens und Handelns restlos erschöpfen, irrt er. Um eine vollwertige Persönlichkeit zu sein, um körperlich und seelisch gesund zu bleiben, muß der Mensch auch die andere, nicht minder wichtige Seite seines Wesens wieder mehr zur Geltung bringen. Nicht durch irgendeine Form von Aktivität, sondern dadurch, daß er sich auch der Stille zuwendet. Dem modernen Menschen fällt es schwer, die Notwendigkeit dieser „fruchtbaren Passivität“ überhaupt einzusehen. Und doch sind solche Perioden, in denen das eigene Ich nichts tun, sondern pflanzenhaft empfangen soll, kein müßiges Spiel weltentrückter Yogis, sondern eine Lebensnotwendigkeit ersten Ranges. Halten wir uns doch die Erfahrungstatsache vor Augen, daß Künstler nur dann Großes, Bleibendes schaffen können, wenn sie dieses „Atemholen der Seele“ beherrschen und um die Inkubationszeit ihres Schaffens wissen. Was aber für die Kunst gilt, gilt für die übrigen menschlichen Tätigkeitsbereiche ebenfalls, wenn es auch dort nicht so augenfällig in Erscheinung tritt.