Mancher plattenversessene Musikfreund, der die erstaunliche Entwicklung von der Schellack- zur Langspielplatte und deren Vervollkommnung mit Spannung und Bewunderung erlebte, wird schmerzlich empfunden haben, daß eine der bedeutendsten Aufnahmen der Vorkriegszeit, Mozarts „Don Giovanni“ unter Fritz Busch, nicht an ihr teilnehmen durfte. Für ihn gibt es eine Überraschung: die Toningenieure der Electrola-Gesellschaft haben das Experiment gewagt, aus den alten Matrizen der um die Mitte der dreißiger Jahre entstandenen Aufnahme eine Langspielausgabe herauszuholen. Das Resultat verblüfft, sie haben ihre damalige Leistung sogar noch überboten. Dies bedeutet die Rettung eines Dokumentes, dessen Verlust kein Mozartkenner verschmerzt hätte.

Mozart, Don Giovanni. Brownlee / Souez Helletsgruber / Baccaloni v. Pataky u. a. / Glyndebourne Festival Orch. / Fritz Busch (ELECTROLA ALP 1199-1201).

Fritz Busch war eine absolut reine Darstellung geglückt. Sein Stilgefühl hatte ihn geleitet, eine erlesene Schar von Künstlern hatte ihm zur Verfügung gestanden. Daß die Sänger damals ihre heutige Berühmtheit noch nicht besaßen, daß sie in der Hand ihres Dirigenten noch knetbar waren, verlieh der Aufnahme ihren Charme: heitere Frische und übersinnliche Geschlossenheit.

Da sind sie nun wieder die liebgewordenen Gestalten: Brownlee – Don Giovanni, der Herrenmensch mit der „infernalischen Frivolität“ in der Stimme, den chevaleresken Allüren, der glatten Rede, der trotzigen Gleichgültigkeit gegenüber allem Schicksal, dem seiner Opfer wie dem eigenen – bis hin zur grausig-schönen Höllenfahrt in d-Moll; Baccaloni – Leporello, dieser verfressene, schlüpfrig-witzige, feige Halunke und in seiner Weise doch so treue Diener seines Herrn; v. Pataky – Don Ottavio, der verhinderte Kavalier, der es gerne mit dem Nebenbuhler ausfechten möchte und statt dessen immer so schöne Arien singen muß; Helletsgruber – Elvira, die ewig Störende, schon in der Farbe des Organs das Urbild hoheitsvoller Empörung; endlich Souez – Donna Anna, unter allen herrlichen Stimmen die herrlichste; ihresamtne Intensität kann das Beben der unbewußten Leidenschaft für den Betörer nicht unterdrücken. Auch die anderen Mitwirkenden tragen mit vollendeten Leistungen zur lückenlosen Einheit bei, voran der Spielleiter Carl Ebert: seine inspirierte Regie zeigt sich in den plastisch gestalteten Secco-Rezitativen, wie etwa dem der unheimlich lästerlichen Friedhofsszene. Alles aber wäre undenkbar ohne Buschs überlegenen Stilwillen. Hellsichtig ergründet er Mozarts Intentionen, gestaltet er Tempi, Kontraste und Übergänge, balanciert er den stimmlichen und instrumentalen Klangapparat aus, schafft er die Atmosphäre. Aufs neue wird uns klar, welch unersetzlichen Opernleiter wir in ihm verloren haben.

Soviel über die Interpretation. Alle ihre Feinheiten finden sich nun in der Langspiel-Ausgabe wieder, neue kommen hinzu. Neben der größeren Wucht, die die durchgehende Darbietung mit sich bringt, haben gewisse Partien, so das darstellerisch heikle Terzett vor dem Finale des ersten Aktes, eine Stetigkeit erhalten, die ihnen vorher fehlte. Selbst die Tonintensität hat an Fülle gewonnen, die Rezitative kommen pointierter heraus. Bei dem unaufhaltsamen Fortschritt der Technik mag es eines Tages eine klanglich noch vollkommenere Aufnahme geben – diese hier wird um ihres musikalischen Wertes willen unsterblich bleiben.

Mozart, Streichquartett B-Dur KV 458 „Jagd-Qu.“; Loewenguth-Qu. Symphonie D-Dur KV 504 „Prager“; Berliner Philh. Orch. Igor Markevitch (Dt. Grammophon-Ges. 16 004 LP und 18176 LPM).

Daß wir im übrigen an der Schwelle des ersehnten Zieles aller Aufnahmetechnik stehen: der unbedingten Identität der Klangfarbe und der Vermittlung des Raumgefühls wie wir es vom Konzertsaal her gewöhnt sind, zeigen zwei Aufnahmen der Deutschen Grammophon-Gesellschaft, ebenfalls von Mozart, nämlich das „Jagd-Quartett“ mit Loewenguth und die „Prager“ Symphonie mit den Berliner Philharmonikern unter Igor Markevitch.. Sogar die ausgezeichnete musikalische Darstellung dieser Aufnahmen tritt hier zurück hinter einer klangtechnischen Wiedergabe, wie wir sie bisher noch nicht kannten. Die Streicher des Quartetts sitzen auf einmal neben uns, ihre Instrumente atmen uns ihren individuellen Klangcharakter, ihr spezifisches Klangaroma sozusagen, ins Ohr; der Klang wird nicht „wiedergegeben“, er ist es selber, den wir vernehmen. Etwas Ähnliches gilt von der Prager Symphonie mit ihrer spannungsgeladenen Einleitung. Bei ihr nehmen wir die Raumdimensionen deutlich wahr, der Klang besitzt ein Volumen, das man auch bei den besten Aufnahmen selten erlebt hat. So glauben wir denn, daß es nicht die kommerziellen Schlagwörter sind, die die Güte einer Aufnahme bezeugen, sondern einzig und allein ihre klangliche Beweiskraft – wo immer die Platte herausgebracht worden sein mag. Chr.