1950 hatte ein Parteibeschluß der SED für das Gebiet der Sowjetzone und Ostberlins die Feiern der Jugendweihe untersagt — in der klaren politischen Erkenntnis, daß heute die Jugendweihen keine Berechtigung mehr haben, weil die Aufnahme in die kämpfende Arbeiterklasse im neuen Arbeiter- und Bauernstaat ja nicht erst mit der Schulentlassung, sondern schon im frühesten Pionieralter erfolgt. Eine kämpferische Einstellung gegen die Kirchen sei "reaktionär", weil "die Kirchen in einem loyalen Verhältnis zur DDR stehen". Daher müsse "klar und unmißverständlich" erklärt werden, daß "die Durchführung der Jugendweihen nach der Schaffung der DDR politisch falsch wäre und daher abzulehnen ist, so sehr das manche alte Genossen, vornehmlich Freidenker, auch bedauern mögen".

Heute kann man es nicht ohne Ironie verzeichnen, daß ein Jahr später Franz Neumann, der Vorsitzende der SPD in Westberlin, bei einer Jugendweihe, an der zahlreiche Ostberliner Kinder teilnahmen, erklärte: "Die Unfreiheit der Diktatur in einem Teil Berlins und der Ostzone zwingt euch, die Jugendweihe in den Westsektoren zu feiern; wir sind gewiß, daß eines Tages auch in den noch unterdrückten Gebieten eine freiheitliche Betätigung möglich sein wird Denn schon jetzt ist die Jugendweihe in der Sowjetzone wiedergekehrt. Mitte November vorigen Jahres nämlich erfuhr die erstaunte Öffentlichkeit, daß sich in der Sowjetzone ein Zentraler Ausschuß für Jugendweihe in gliedern der Kulturminister Johannes R. Becher, mehrere Pädagogen, ein SED- und ein FDJ Sekretär, die Literaten Anna Seghers und Stefan Hermlin, der Intendant Wolfgang LanghofF und der Aktivist Hennecke gehörten. Dieser Ausschuß verkündete, man werde von nun an im Gebiet der DDR alljährlich Jugendweihen durchführen, um den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt nr i Verlassen der Schule festlich zu begehen. Viele Zeitungskommentare beeilten sich, die neuen Jugendweihen, die zum ersten Male im April 1955 gefeiert werden sollen, als absolut neuartig auszuweisen. Vom ganzen Volke getragen, werde hier ein "nationaler Jugendfeiertag" begangen, an dem "alle Jugendlichen ungeachtet ihrer Weltanschauung und ihrer religiösen Einstellung", also auch Konfirmanden, teilnehmen können. Die Teilnahme, die "einem allgemeinen Bedürfnis entspreche", sei freiwillig. Unter reichlicher Verwendung sakraler Formeln spricht der Kommentar der Parteizeitung von "Weihe" und "Gelöbnis" der Jugendlichen, die mit dem "Akt der Jugendweihe" zu "Gliedern der