Dem Wochenbericht über die Weltrohstoffmarkte der Hamburger Kreditbank A. G., dem Nachfolge Institut der Dresdner Bank in Norddeutschland, entnommen

Während der Berichtswoche wiesen fast alle hier notierter Waren eine rückläufige Preisbewegung auf. Von diesem Preisrückgang wurden auch diejenigen Rohstoffe erfaßt, die in der letzten Zeit infolge der politischen Spannungen oder am Grund ihrer starken statistischen Position eine kräftige Aufwärtsbewegung durchgemacht hatten, wie z. B. Kupfer in London und Kautschuk. Bemerkenswert war, daß nicht nur relativ starke Preisabschwächungen bei den einzelnen Welthandelsgütern stattgefunden haben, sondern daß die rückläufige Preisbewegung umfassender als je zuvor gewesen ist. Diese rückläufige Preisbewegung war für fast alle Märkte kennzeichnend? denn abgesehen von den hier beobachteten Märkten gingen z. B. auch die Chikagoer Weizennotierungen sowie diejenigen der NE-Metalle an der Londoner Börse zurück.

Von den 23 notierten Welthandelsgütern war bei 1 die Tendenz leicht gestiegen und bei 18 leicht bis stark schwächer. Die Preise von 4 der notierten Waren, nämlich Aluminium, Kupfer, Blei und Zink, waren konstant.

NE-Metalle: Auf dem Londoner Markt trat bei allen NE-Metallen unter Führung von Kupfer eine rückläufige Preisbewegung ein. Da die durch die politischen Ereignisse der letzten Zeit hervorgerufene Nervosität inzwischen einer ruhigeren Beurteilung der Lage Platz gemacht hat, verhielten sich die Verbraucher zurückhaltender. Die Angebotslage ist nach wie vor angespannt. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, daß die Vorräte der von dem US-Copper Institute erfaßten Raffinerien in den USA im Januar um etwa 1000 sht auf 45 982 sht abgenommen haben und diejenigen der außeramerikanischen Raffinerien um 22 246 sht auf insgesamt 159 283 sht. Die Welterzeugung an Kupfer (ohne die Gewinnung aus Schrott) ist infolge der Streiks im Januar im Vergleich zum Dezember 1954 um rund 17 000 sht auf insgesamt 198 207 sht gesunken, wobei der Produktionsrückgang außerhalb der USA in Höhe von 19 000 sht leicht durch eine Produktionssteigerung in den USA gemildert wurde. Wenn auch inzwischen etwa ein Drittel der afrikanischen Arbeiter in Nordrhodesien die Arbeit wieder, aufgenommen hat, so erreicht nach Angaben der nordrhodesischen Bergwerkskammer die Produktion erst zwei Drittel der normalen Erzeugung. Da sich der durch die nordrhodesischen Streiks hervorgerufene Produktionsausfall aber erst in einigen Monaten auf dem Markt voll auswirken wird, dürfte nicht anzunehmen sein, daß bei Kupfer in der nächsten Zeit ein stärkerer Preisrückgang eintreten wird. Bei den gegenwärtigen Preisrückgängen handelt es sich wohl in erster Linie um einen Ausgleich der letzthin zu verzeichnenden plötzlichen und sehr starken Preisfestigungen. Auch in New York ist die Angebotslage weiterhin angespannt. Da die Versorgung der Industrie für den Monat März nicht gesichert ist, wurden in Washington Besprechungen über die Freigabe Von Kupfer, das für die strategische Reserve bestimmt ist, geführt. Über das Ergebnis ist bisher noch nichts bekannt.

Zinn: Auch bei diesem Metall dürfte der Preisrückgang als Reaktion auf die jüngsten Preisfestigungen zu werten sein. Außerdem kommt hinzu, daß das Inkrafttreten des Internationalen Zinn-Abkommens nicht endgültig gesichert ist, da die erforderlichen Ratifizierungen durch die Produzenten- und Konsumentenländer noch nicht vorliegen. Vor allem hat sich die Erwartung nicht erfüllt, daß der geplante Puffervorrat nach Ablauf der langfristigen US-Kontrakte mit Indonesien und Bolivien in Funktion tritt. Einen weiteren Unsicherheitsfaktor auf dem internationalen Zinnmarkt stellt der Weiterbetrieb der Texas-Hütte dar bzw. die Frage, ob die USA die Produktion, falls diese in Betrieb bleiben sollte, weiterhin in die strategische Reserve übernehmen werden; denn der ursprünglich vorgesehene Hortungsbedarf soll gedeckt sein. Bei einem Funktionieren des Puffervorrates könnte die Produktion aus dem Markt genommen werden, falls der Verbrauchsanstieg in den großen Verbraucherländern nicht ausreichen sollte, um ein zu starkes Absinken der Preise zu verhindern.

Kautschuk: Zum erstenmal seit etwa einem Monat ermäßigte sich der Wochendurchschnittspreis von Kautschuk, der in der letzten Zeit durch spekulative Käufe eine starke Festigung aufgewiesen hatte. Der starke Rückgang der Preise war durch die leichte Entspannung der Formosakrise und durch Berichte über eine Änderung des Rotationsprogramms der US-Regierung hervorgerufen worden Diese starke Reaktion der Kautschukmärkte auf die ersten Meldungen über die Änderung der Rotationspolitik dürfte ein Anzeichen dafür sein, daß der Kautschukmarkt infolge des etwa 100 v. H. betragenden Preisanstiegs innerhalb eines Jahres gegenwärtig sehr empfindlich ist. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Internationale Kautschuk-Studiengruppe für 1954 einen Produktionsüberschuß von 77 500 t ausweist. Außerdem erwarten die führenden US-Unternehmen einen Rückgang des Naturkautschukverbrauchs in den USA während 1955. Ein weiterer Faktor, der zweifellos den Naturkautschukmarkt beeinflußt, ist die Tatsache, daß der Preis für US-Synthesekautschuk nach Übernahme der Werke durch die neuen privaten Eigentümer wahrscheinlich mehr oder weniger der gleiche sein wird wie der jetzt staatlich festgesetzte.

Kaffee: Der Kaffeemarkt ist nach wie vor sehr nervös, obwohl die Ankündigung Brasiliens, daß es die Mindestpreise für Kaffee der laufenden Ernte unverändert lassen werde, während des Wochenverlaufs eine Erholung herbeiführte. Einen festigenden Einfluß hatte auch die Erklärung des USA-Vizepräsidenten, daß die USA über die wirtschaftlichen Folgen eines Preisverfalls bei Kaffee in den latein-amerikanischen Produktionsländern besorgt seien. Zum Wochenschluß lag der New Yorker Kaffeemarkt fest, da die Produzentenländer offensichtlich Maßnahmen zur Stützung der Kaffeepreise ergreifen wollen. Dies alles sind Anzeichen für die auf dem Kaffeemarkt herrschende Unsicherheit und den Konkurrenzkampf der Anbauländer untereinander. Die brasilianischen Verkäufe scheinen sich unter dem Druck der jetzt auf den Markt kommenden zentral amerikanischen Kaffees weitgehend auf Abnahmeverpflichtungen im Rahmen von Handelsabkommen zu beschränken. In den letzten Jahren ist außerdem Afrika in immer größerem Umfange als Lieferant und damit als Konkurrent auf den Absatzmärkten aufgetreten. Dem größeren Angebot stehen aber sehr vorsichtig disponierende Käufer gegenüber, so daß es den Anschein hat, als ob der Markt auch weiterhin sehr empfindlich bleiben wird.

Kakao: Die Entwicklung auf dem New Yorker Kakaomarkt verzeichnete uneinheitliche Schwankungen. Der Rückgang der Preise auf dem Kaffeemarkt förderte die Schwächeneigung der Kakaopreise um so mehr, als Unsicherheit darüber. herrschte, ob Brasilien ähnliche Exportförderungsmaßnahmen bei Kakao wie bei Kaffee ergreifen würde. – Die Aufkäufe in Britisch-Westafrika scheinen sich ihrem Ende zu nähern und werden insgesamt niedriger sein als im Vorjahre. Entscheidend für die Preisentwicklung der nächsten Monate dürfte daher die in Kürze zu erwartende Temporao-Ernte sein, die im letzten Jahr 1,6 Mill. Sack erreichte. Genaue Nachrichten über die voraussichtliche Ernte, von deren Höhe es abhängen wird, ob die Weltversorgung. in den kommenden Monaten reichlich oder knapp sein wird, liegen allerdings noch nicht vor.