Am Sonntag, dem 13. Februar, fing es an. Mit Nelken in der Hand begab sich seine Magnifizenz, der Rektor der Münchener Universität, Professor Marchionini an die Bahn und empfing aus dem Orientexpreß seine Magnifizenz den Rektor der Sorbonne, Professor der Romanistik Sarrailh, und das erste Häuflein der Pariser Professoren. Für die Damen Nelken am Bahnhof, für die Herren Nymphenburger Porzellan auf dem Nachttisch im Bayrischen Hof. München hat sich vom ersten Augenblick der Pariser Universitätswoche an bemüht, es an Aufmerksamkeiten nicht fehlen zu lassen. Und dieses savoir vivre wurde auch von den Franzosen der diplomatischen Kreise freundlich konstatiert.

Montagfrüh erschien zur feierlichen Eröffnung der Pariser Universitätswoche in der Aula alles, was in München Rang und Würde besitzt, so vollzählig wie wohl noch nie nach dem Krieg.

Nach dem Einzug der Professoren unter Klängen von Berlioz und den Begrüßungsansprachen sprach der Pariser Germanist Boucher über „Heimat, Vaterland und Menschheit“. Sein Vortrag war eine schrittweise Erhellung dieser Begriffe, die im Laufe ihrer Existenz soviel Bedeutungsum- und abwertung erfahren haben, die von so vielen Dummen oder Böswilligen zur Massenverwirrung benutzt worden sind, für jeden einen anderen und für viele Menschen gar keinen Inhalt mehr haben. Professor Boucher forderte Revision des Ehr- und Vaterlandbegriffes, forderte, daß man sie der modernen Situation des Menschen anpaßt. Es dürften nicht mehr Begriffe sein, die man als Erbe übernimmt, die sich auf Situationen beziehen, die man vielleicht noch gar nicht erfahren hat. Man müsse sie an sich selbst lernen, man müsse sich zu ihnen entscheiden und könne so über Heimat und Vaterland zur Menschheit kommen. Bedingungslos sei nur der Anspruch des Menschen auf Würdigung seines Menschentums. Sehr herzlicher Beifall dankte dafür, daß hier jemand warm und klar über Probleme sprach, die die Menschen mit geistigem Verantwortungsgefühl in allen Ländern angehen.

Montagnachmittag lief dann für die Münchner Studenten das Vorlesungsprogramm an, und für die Pariser Professoren eine ununterbrochene Folge von Cocktails, Diners, Besichtigungen, Interviews und Geschenkentgegennahmen, ein beinahe auf die Minute ausgefüllter Tag. Auch eine Delegation französischer Studenten wurde mit Autobussen zwischen Besichtigungen, Empfängen, Aussprachen hin- und hergerollt. Sie schien von diesen Strapazierungen den Medizinerball am meisten zu genießen. Die Studentendelegation war auch bei den Münchner Korporationen zu Gast. Nach Aussage der französischen Teilnehmer erfuhren sie dort zwar, daß die Corps heute etwas ganz anderes als früher seien, nämlich modern, demokratisch und individualistisch, aber zum rechten Verständnis dieser Einrichtung sind die Gäste wohl doch nicht gelangt.

Sehr viel animierter war dafür ein Tee im neuen Rektorat, wo die Pariser Professoren und Studenten mit der Schwabinger Prominenz von Erich Kästner über Franziska Bielek bis zu Luise Rinser bekanntgemacht wurden.

Einen zweiten Vortrag „Nationalgefühl und Weltbürgertum in Frankreich“ bezeichnete Professor Boucher ausdrücklich als Verteidigungsrede, und zwar als Verteidigung gegen den Vorwurf, die Franzosen betrachteten das ganze Weltgeschehen und die Menschen nur durch ihre Brille. Er führte als Beispiel die große Bewunderung der Franzosen für England im 18. Jahrhundert und für Deutschland im 19. Jahrhundert an (Wagnerkult) und versuchte an Zitaten deutscher Historiker und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts zu beweisen, daß die französische Revolution in ihrer Idee (nicht in ihren Exzessen) ein rein französisches Anliegen gewesen sei. Ihre Ideologie sei der deutschen nicht entgegengesetzt. Wenn man also immer noch von hier spezifisch deutscher und dort spezifisch französischer Einstellung spräche, so sei das ein Mißverständnis der wirklichen Gegebenheiten, über die er tiefe Trauer empfinde, es seien nur Waffen im Kampf für irgendeinen bestimmten Zweck, und die solle man doch heute zum alten Eisen werfen. Wenn die Franzosen ein Maß für den Menschen hätten, so nur eines, welches sie aus Gedankenarbeit, aus Überlegungen und Ableitungen gewonnen hätten, ein „abstrakter Generalnenner für menschliche Eigentümlichkeiten“. Und zum Schluß wieder, wie im Festvortrag, der Wunsch, man möge aus der Kenntnis und der Liebe zur eigenen Eigentümlichkeit zum Verständnis und der Liebe zu den Eigentümlichkeiten der anderen kommen und damit zu einer Gemeinsamkeit. Alle Türen der großen Aula waren offengeblieben, weil auf den Fluren noch so viele zuhören wollten.

Viele der Vorträge wurden in fließendem Deutsch gehalten. Und schon dafür, nicht nur des Inhalt, und der – fast an einen eleganten Unterhaltungston grenzenden – Vortragsweise wegen bewundert. Besonders stark interessierte die Vorlesung von Professor Pasteur-Vallery-Radot, dem Enkel des großen Pasteur. Aus freundschaftlichen Gesprächen, die er vor einem Jahr mit Professor Marchionini führte, stammte übrigens die Idee dieser Pariser Woche, die der im letzten Herbst zum Rektor berufene Münchner Kollege schnell verwirklicht hat.