D. L., London, im Februar

Der katholische Bischof von Leeds, Dr. Heenan, sagte Mitte November: „Die Diskussionen über den französischen Beitrag zur Verteidigung Europas müssen die Zyniker höchst belustigt haben. Findet sich denn wirklich noch jemand, der im Herzen glaubt, daß es irgend etwas in der Welt gibt, für das Frankreich nochmals kämpfen würde?“ – Nun spricht aus solchen Äußerungen keinesfalls der Geist der Entente Cordiale oder der NATO, und doch sind sie ein Nachruf zur Londoner Konferenz, als sich die britische Industrie bei der Forderung von Mendès-France, die schweren Waffen für Deutschland in Frankreich und seinen kolonialen Territorien herzustellen, wie ein Mann erhob und empört die politische Verläßlichkeit der französischen Rüstungsarbeiter im Ernstfalle in Frage stellte...

Aber Mendès-France drang nicht durch, und damit war das Startsignal zum Tauziehen innerhalb der britischen Wirtschaft um den Anteil am Waffengeschäft gegeben. Seit langem schon ist man sich in Großbritannien klar, daß der deutsche Markt nicht genug gepflegt wurde. Die Federation of British Industries und auch die Association of British Chambers of Commerce haben nachgerechnet, daß der britische Export nach Deutschland 1953 nur 65 Mill. £ oder 4 v. H. aller deutschen Importe gegenüber 5 v. H. in 1938 betrug und setzen sich für verstärkte Exportbemühungen ein.

Die britische Opposition zum Plan von Mendès-France entsprang bei der Rüstungsindustrie in erster Linie der Absicht, die Waffenlieferungen selbst durchzuführen, während die übrige britische Industrie Waffenlieferungen überhaupt ablehnte und sich für die Waffenherstellung in Deutschland einsetzte. Unbestritten hat die britische Rüstungsindustrie alle technischen Voraussetzungen, die von Deutschland verlangten Waffen fast ausnahmslos herzustellen. Rund 850 000 Facharbeiter stehen ihr zur Verfügung, während in den vorhandenen industriellen Anlagen die Kapazität ohne wesentliche Investitionen sofort auf 1,4 Mill. Arbeitsplätze erhöht werden kann. Allein der Exportanteil stieg seit 1946 kontinuierlich um durchschnittlich 25 v. H. je Jahr und dürfte 1954 etwa 250 Mill. £ überschritten haben. 15 v. H. aller Waffen der europäischen NATO-Staaten (Großbritannien ausgenommen) sind ohnehin „Made in England“. Im Augenblick der Vollbeschäftigung aber würde eine zu rapide Produktionssteigerung in der Rüstungsindustrie jedoch bedeuten, daß Arbeitskräfte aus den anderen Industrien abwandern müßten, was zu einer Behinderung der Friedensproduktion und Vernachlässigung der traditionellen Exportmärkte führen könnte. Damit aber wäre gerade der Vorteil, den sich die britische Friedensindustrie von der deutschen Wiederbewaffnung verspricht, ins Gegenteil verkehrt: Deutschland wäre dann nämlich die Möglichkeit gegeben, sich weiterhin der Friedensproduktion (zu einem erheblichen Teil jedenfalls) zu widmen und die Waffenimporte aus Exporterlösen zu bezahlen. Auch die britische Regierung ist keineswegs gewillt, Deutschland die industrielle Bürde der Wiederaufrüstung abzunehmen und kritisierte mit Mißbehagen von Anfang an – wenn auch die politische und militärische Notwendigkeit nicht verleugnet wird – den USA-Kongreßbeschluß, Deutschland Waffen und Ausrüstungsmaterial in erheblichem Werte zur Verfügung zu stellen, gleichgültig, ob diese Lieferung ohne Bezahlung oder auf Grund langfristiger Anleihen durchgeführt werden wird.

Der Standpunkt der britischen Industrie dürfte sich zweifellos durchsetzen, zumal er durch offizielle Empfehlungen gestützt ist, nach denen die Rüstungsindustrie sich ausschließlich (aber intensiv) um die Lieferung von Spezialwaffen und Geräten bemühen soll, während für andere Waffen, einschl. Flugzeuge und Panzerwagen, die Lizenzherstellung in Deutschland als annehmbarer und devisenbringender Kompromiß vorgeschlagen wird. Dadurch ergäbe sich dann auch für die britische Friedensindustrie eine größere Möglichkeit des Exports von Spezialmaschinen nach Deutschland, was den Beginn der Waffenherstellung beschleunigen würde. Daß diese Politik England natürlich nur dann Nutzen bringen kann, wenn sich ihr alle anderen waffenexportfähigen Länder anschließen, liegt auf der Hand. Andernfalls, auch wenn sich England der Chance noch so sicher ist, dürfte die britische Industrie lange auf ein Nachlassen des deutschen Druckes auf die internationalen Exportmärkte und die Möglichkeit inflationistischer Tendenzen warten.