Hg., Wien, im Februar

Die Konjunkturlage Österreichs unterscheidet sich von der der übrigen westeuropäischen Länder darin, daß der Preisauftrieb bedeutend stärker vor sich ging. Die Großhandelspreise sind von April 1953 bis zum Januar 1955 um 12,5 v.H. gestiegen; in den letzten zwölf Monaten sogar um 6 v. H. Die Lebenshaltungskosten, in deren Index die gebundenen politischen Preise, z. B. Miete und Brot, stärker zum Ausdruck kommen, nahmen zwischen Mai 1953 und Dezember 1954 um 8,8 v. H. zu. Durch die Lohnerhöhungen (der Index der Arbeiternettotariflöhne lag Ende 1954 um 9, 2 v. H. über dem Vorjahresstand) konnte eine Reallohnminderung allerdings verhindert werden. Diese Entwicklung hat naturgemäß die verschiedensten Kommentare ausgelöst, und es fehlte hierbei nicht an Stimmen, die ernste Warnungen aussprachen. Finanzminister Dr. Karnitz nannte kürzlich als konkrete Maßnahmen, die für den Bedarfsfall in Frage kommen: die Verschärfung der Liquiditätsbestimmungen der Banken, Kreditrestriktionen sowie eine Erhöhung der Bankrate (derzeit 3,5 v. H.) nach britischem Muster. Diese klassischen Mittel der Konjunkturpolitik sind aber offensichtlich nicht für den Augenblick, sondern für den Fall einer weiteren Konjunkturüberhitzung gedacht...

Für generelle Drosselungsmaßnahmen ist es zweifellos noch verfrüht. Über den mehr optischen Charakter der Bankratenerhöhung ist man sich auch in Großbritannien im klaren. Ein stärkerer Eingriff in die Kreditpolitik müßte wiederum auf die Ertragslage der Kreditinstitute Rücksicht nehmen. Die Liquidität der österreichischen Institute liegt nämlich noch immer höher als im Ausland, auch wenn im letzten Quartal von 1954 eine stärkere Kreditausweitung erfolgt ist. Während sich die Spareinlagen zwischen Dezember 1953 und Dezember 1954 von 5 auf 7,5 Mrd. S und die Scheckeinlagen von 12 auf 15,8 Mrd. S erhöhten, stieg die Summe der kommerziellen Kredite (ohne ERP-Aufbaukredite) von 13,6 Mrd. S im Dezember 1953 auf 16,8 Mrd. S im Oktober 1954 und 17,9 Mrd. S im Dezember 1954. Hinzu kommt, daß die Konjunktur noch keineswegs alle Branchen ergriff und die Arbeitslosigkeit mit 92 000 im August 1954 (4,4 v. H. der unselbständigen Berufstätigen) und 230 000 im Januar 1955 (11,9 v. H.) auf eine überaus hohe Saisonarbeitslosigkeit und auch sonst noch nicht auf eine absolute Überbeschäftigung deutet, besonders, wenn man in Betracht zieht, daß z. B. das konservativ regierte Großbritannien eine Arbeitslosenrate von 1,4 bis 2,2 v. H. und das sozialistische Schweden eine solche von 1,5 bis 5 v. H. aufweist.

Bevor man zur generellen Drosselung greift, müßten wohl die einzelnen Engpässe systematisch bekämpft werden. Eine Reihe von Institutionen, wie z. B. die Wirtschaftsförderungsinstitute der Kammern oder das österreichische Produktivitätszentrum, könnten zusammen mit den Gewerkschaften eine den strukturellen Erfordernissen entsprechende Umschulung bzw. Ausbildung der noch brachliegenden Arbeitskräfte in Angriff nehmen, zusammen mit der längst fälligen Verwaltungsreform, für die der gegenwärtige Zeitpunkt besonders geeignet ist. Hinzu käme eine stärkere Entnivellierung der Löhne und Gehälter, um die Abwanderung der hochqualifizierten Fachkräfte ins Ausland zu verhindern. Die Überbeschäftigung in der Bauwirtschaft erfordert in erster Linie eine stärkere Selbstbescheidung der öffentlichen Hand. Die beiden Regierungsparteien überbieten sich derzeit in der wirtschaftlich untragbar subventionierten Wohnbautätigkeit, anstatt durch steuerliche Förderung des Wohnungswerbers das Feld endlich wieder für den privaten Wohnungsbau freizumachen.

Während man sich die Preissenkung manchmal allzu leicht vorstellte, etwa bei der Restriktion der Holzausfuhren nach Westdeutschland ohne Rücksicht auf die handelsvertraglichen Verpflichtungen und das riesige Passivsaldo im beiderseitigen Warenverkehr, fand die österreichische Wirtschaftspolitik bisher noch nicht den raschesten Weg zu einem wirksamen Preisdruck: die Herabsetzung der Zölle. Der jüngste Übergang vom Gewichtszum Wertzoll brachte eine Reihe von Erhöhungen, selbst bei solchen Artikeln, die im Inland gar nicht erzeugt werden. Die Koordinierung der ziemlich wahllos gestarteten Rationalisierungs- und Produktivitätskampagne– für die bedeutende ERP-Mittel zur Verfügung stehen – an den Brennpunkten einer breit angelegten Zollsenkungsaktion und Liberalisierung, auch gegenüber dem Dollarraum, würde eine sich wellenartig ausbreitende Preissenkung zur Folge haben, ohne daß die Beschäftigungslage darunter litte. Die Tatsache, daß in zunehmendem Maße Engpässe auftauchen und die Lieferfristen in vielen Wirtschaftszweigen zunehmen, weist jedenfalls darauf hin, daß Vorsicht am Platz ist, wenn der gegenwärtige Preistrend zum Stillstand kommen und die Früchte der 1952 eingeleiteten Stabilisierungspolitik nicht gefährdet werden sollen.