Ja, wie denkt die Jugend selbst? Die erste und eindeutigste Antwort, die sich für mich bei vielen frei geführten Gesprächen mit Jugendlichen ergab, ist diese: Die Jugend in der Sowjetzone denkt sehr viel weniger, als man im Westen anzunehmen pflegt. Ich habe mich oft mit Studenten unterhalten. Sie erklären sich fast einmütig einverstanden mit dem sozialistischen Staat und den Hypothesen, auf die das Regime sich begründet. Aber in den allermeisten Fällen ist das eine ganz ciberflächliche Zustimmung, denn sie beruht weder aif einer gründlichen Kenntnis des Marxismus loch auf einem tieferen Interesse für die politische Wirklichkeit. Diese innere Gleichgültigkeit iit um so erstaunlicher, als der Sowjetzonenstaat die Studenten sehr großzügig ausstattet. 95 v. H. am Anfang 180 Ostmark im Monat — ein werig mehr als das Lohnminimum. Wenn der Student die jährlichen Abschlußprüfungen gut besteht, erhöht sich der Betrag jeweils um weitere (0 Mark. Die meisten Studenten brauchen also licht zu arbeiten, um sich ihr Studium zu verdieDas Wissensniveau bei den Studenten der exakten Wissenschaften ist im allgemeinen gut, ja bisveilen ausgezeichnet, nur daß mit Rücksicht auf cie Anforderungen der Planwirtschaft die Spezialisierung zu früh beginnt und zu sehr forciert wird. Die Volkswirtschafts- und Philosophiestudenten dagegen zeigten bei ihren Gesprächen eine erschreckende Unwissenheit Über den Stand der Wirtschaft in der Bundesrepublik bekommen sie im Kolleg so viel Unsinn zu hören, daß die erste Reise nach Westdeutschland ihr so schlecht gezimmertes Wissensgebäude erschüttern muß. So erzählte mir zum Beispiel ein Student der Volkswirtschaft im sechsten Semester, der Marshallplan sei "ein System, nach dem die Vereinigten Staaten die deutsche Kohle zu Hungerpreisen aufkaufen und sie auf dem Weltmarkt mit riesigen Gewinnen weitervertreiben Im großen und ganzen zeigt sich der Student dem Staat für die reichlich gewährte Hilfe erkenntlich, indem er die politischen Vorlesungen geduldig anhört und sich dann seinen Büchern zuwendet. Frst wenn man ihn genauer nach den einzelnen Aspekten des wirtschaftlichen und politischen Lebens in der DDR fragt, bemerkt man mit einem Male, daß er in vielen Punkten von den offiziellen Thesen abweicht und daß diese Fragen ihn wenig interessieren. Und die jungen Arbeiter? Ihnen kommt vieles zugute: hohe Akkordlöhne, das Bestehen von Organisationen, die Ehrgeizig;n ein schnelles politisches Fortkommen ermöglichen, ferner Abendkurse mit Chancen der Fortbildung bis zur Universitätsreife. Am Durchschnitt des Lebensstandards der gesamten Bevälkerung gemessen, ist also der Arbeiter in der Sjwjetzone finanziell besser gestellt als sein Arbeitskollege in der Bundesrepublik. Aber er läßt sü daran genügen und entwickelt keinen Ehrgeiz nach einem Aufstieg.

Eines Montagsmorgen fuhr ich in einem Zug von Berlin nach Stalinstadt mit jungen Arbeitern, die vom Wochenendurlaub zu ihrer "Arbsitsbrigade" zurückkehrten. Sie waren alle unverheiratet und wohnten in Baracken, wo sie zu niedrigen Preisen beköstigt werden. Ihre Anzüge aren flott und gepflegt, und ihre bunten Krawatten stammten, wie sie mit Stolz erzählten, aus Vestberlin. Sie hatten die ibeiden Nächte durchg;tanzt und getrunken und hörten sich auch jetzt Musik aus einem Koffergrammophon an. Politik war offenbar ihre allergeringste Sorge. Diese jungen Arbeiter haben nichts Furchtsames. Man hat sie nötig, und sie wissen das. Ungezügslt wie junge Pferde und skeptisch, lassen sie sich nichts einreden. Weder ihre Eltern, mit denen sie meist nicht mehr zusammenleben, noch ihre "Vorgesetzten haben viel Einfluß auf sie. Nicht wenige von ihnen gehen mit großen Cowboyhüten zur Arbeit und demonstrieren dadurch ihre innere Unabhängigkeit. Früher hätten sie anen Teil ihres Lohnes zu Hause abgeliefert. Heute bestehen sie darauf, ihr Geld nach eigenem Cutdünken auszugeben, und da sich ihnen nicht vel Lockendes zum Ausgeben bietet, vertrinken sie das meiste. Ein junger kommunistischer Journalist gestand mir, daß ihm diese "freie Jugend" Sargen mache. Er hatte deshalb sein Amt in der FDJ niedergelegt "Ich war von ihrer Passivität aigeekelt", sagte er, "sie interessierten sich nur fir Geldverdienen und Tanzen Dies Interesse für Tanz und also auch für Tanzmusik hat die Regierung veranlaßt, das Jazzverbot wieder aufzuhsben. Bis vor einiger Zeit hatten sich nämlich die Tanzkapellen und Rundfunkorogramme auf sanfte Foxtrots — oft nach den Melodien alter deutscher Volkslieder — zu beschränken; mit dem Erfolg, daß die jungen Leute die westlichen Sender einschalteten, besonders die AFN mit ihrer Jtzzmusik. Heute liefern ihnen die Sowjetzonenp ogramme ausgezeichneten Jazz in reichlicher Menge. Es sind sogar Kurse eingerichtet, bei denen die sowjetzonalen Jazzfans in die Musik v:m Sydney Bechet, Louis Armstrong und Benny Coodman eingeführt werden. Ich habe an einem solchen Kursus teilgenommen und war Ohrenz;uge, wie der Kursusleiter auf die Frage, warum dann der Jazz früher verboten gewesen sei, die Antwort gab: "Das war ein Fehler schlechter Marxisten, die uns glauben machen wollten, aus USA käme nur Schlechtes, weil es das Land des Kapitalismus ist " Die politische Gleichberechtigung der Jugendlichen zeigt sich auch daran, daß sie genau wie die Jigendlichen in der Bundesrepublik, nur äußerst schwer zur Eingliederung in die Parteien zu gewinnen sind. Während die Älteren nach dem Zusammenbruch von 1945 mit mancherlei Gründen dis kommunistische Herz in sich entdeckten, sehen die Jüngeren, die ja durch die Ereignisse vor 1945 nicht belastet sind, keine Veranlassung, sich politisch zu engagieren. Sehr bezeichnend für diese Unlust sind die Leserbriefe in den sowjetzonalen Zeitungen. Ein Chefredakteur berichtete mir, der tägliche Eingang von Briefen sei enorm, aber es snen kaum Briefe von Jugendlichen dabei "Sie kimpfejjyjöijjö sie protestieren nicht", beklagte sich bei njjtr 4in kommunistischer Funktionär; "im Westen nf§f$er| sie sich bei Hungerlöhnen fortbilden undjtuii ej auch, hier werden sie frei ausgebildet und haMÄjkeine Geldsorgen, aber sie rühren sich nidlfc" , So undankbar ist die Jugend in der SowjetZDne. Bertrand Ferney