Wie der zuverlässige Partner in Moskau aussehen muß

Die deutsche Opposition verlangt von den Westmächten, sie sollten mit Moskau verhandeln. Die Forderung ist leicht gestellt. Aber wer ist auf der sowjetischen Seite als ernsthafter Verhandlungspartner qualifiziert? Diese Frage bereitet eben jetzt den ersten Autoritäten des Westens Kopfzerbrechen. Außenminister Dulles meinte am 16. Februar bei einem Vortrag in der New Yorker Foreign Policy Association, es müsse doch wohl auch in Moskau Männer geben, die das Wohlergehen ihres Volkes vor die Ziele des internationalen Kommunismus stellen, und er scheint dabei in erster Linie an die Marschälle gedacht zu haben. Bedell Smith dagegen, der frühere USA-Botschafter in Moskau, glaubt nicht an einen mäßigenden Einfluß der Militärs, Wenn die Parteiführer im Kreml ein militärisches Abenteuer beschlössen, so meint er, dann könnten sie auf Unterstützung durch die Armee rechnen.

Doch selbst ein übereinstimmendes Urteil aller westlichen Politiker über die Verhandlungsbereitschaft Chruschtschows, Bulganins und Schukows würde uns kaum weiterbringen, weil es ja weniger auf Verhandlungsbereitschaft ankommt, als auf Vertragsbereitschaft und, vor allem, auf Vertragstreue.

Mehr Patriot als Kommissar

Wie müßte der Sowjetpolitiker aussehen, von dem man annehmen kann, daß er nicht nur verhandeln, sondern das Ergebnis der Verhandlungen auch wirklich bona fide, das heißt ohne Rücksicht auf weltrevolutionäre Zielsetzungen respektieren will? Bisher hatte man im Westen hierfür weder Grundsätze noch Anhaltspunkte. Entweder war man bereit, jedem Sowjetpolitiker die Hand zu reichen, gleichgültig, wie diese Hand aussah, oder man erklärte: „Mit Bolschewiken kann man überhaupt nicht verhandeln“, oder man kombinierte diese beiden Standpunkte zu etwas, was man „Politik der Stärke“ nannte und was etwa folgendermaßen aussah: „Verhandeln, ja, gleichgültig mit wem, aber nur unter dem Druck überlegener militärischer Kräfte.“ Aber eine solche Politik konnte den tatsächlichen Verhältnissen in der Sowjetunion nicht gerecht werden und übersah Möglichkeiten, die nicht wenigstens zu erproben der Westen sich im Interesse des Friedens heute nicht leisten kann. Denn gibt es nicht vielleicht wirklich in der Sowjetunion einen Menschentyp, der kommunistisch genug ist, um nicht aus dem Rahmen zu fallen, aber auch genug Staatsräson hat, um zu begreifen, daß eine Verständigung mit der nichtkommunistischen Welt im eigensten Interesse der Sowjetunion liegt, und der außerdem repräsentativ genug ist, um ein Eingehen des Westens auf seine Wünsche und Absichten lohnend zu machen?

Versuchen wir, uns diesen Typus vorzustellen: Er ist mehr national als revolutionär, mehr defensiv als aggressiv, mehr autoritär als diktatorisch, mehr sachlich als doktrinär, kurzum: mehr Patriot als Kommissar.

„National“ bedeutet zunächst nichts weiter als durchaus verständlichen Stolz auf die Leistungen des eigenen Volkes, gleichgültig unter welchem Regime sie vollbracht wurden. Stolz auf die großen Dichter der Vergangenheit (den von der Partei mißbilligten Dostojewskij nicht ausgenommen) und Trauer über den „grauen Strom farbloser, mittelmäßiger Literatur, der in den letzten Jahren über die Seiten unserer Zeitschriften und den Büchermarkt fließt“ (so sagte Scholochow vor dem All-Sowjetischen Schriftstellerkongreß im Dezember 1954), Stolz auf Männer der Wissenschaft wie Mendelejew und Pawlow, auf den Staudamm von Dnjepropetrowsk, die Arktisflieger, die neuesten Düsenflugzeuge, das Atomkraftwerk und gewiß auch auf die Siege über Napoleon und Hitler. Im Westen pflegt man zu meinen, Stalin habe den Sowjet-Nationalismus eigens zu dem Zweck erfunden, um Wasser auf seine kommunistische Mühle zu treiben. Aber wie hätte Stalin den malstolz der Sowjetpatrioten hervorrufen können, wenn dieser nicht schon latent vorhanden gewesen wäre? Tatsächlich gibt es in der sowjetischen Praxis schon längst eine Arbeitsteilung zwischen dem Revolutionär und dem Nationalisten, und zwar so, daß der Revolutionär seine Wünsche und seine Tätigkeit dem Staatsinteresse unterordnen muß. Die Zeiten der „freien Missionstätigkeit“ des internationalen Kommunismus sind seit den bösen Erfahrungen mit Tito vorbei. Die kommunistischen Parteien des Westens sind zu Hilfstruppen der sowjetischen Spionage und zur fünften Kolonne für den Kriegsfall degradiert worden und haben keine weltrevolutionären Aufgaben mehr.