R. S., Bonn, im Februar

Das Bundeskabinett beauftragte vor einiger Zeit den Bundesminister Schäfer, die wirtschaftliche und soziale Situation des Mittelstandes in unselbständiger Position zu untersuchen und dann Vorschläge für eventuelle gesetzliche oder anderweitige Hilfsmaßnahmen zu unterbreiten. Nun liegen die ersten mit Hilfe des Statistischen Bundesamtes ermittelten Untersuchungsergebnisse vor.

Auch die Katastrophe des zweiten Weltkrieges vermochte den Mittelstand nicht an seinen traditionellen politischen Werten irrezumachen: dem gesunden, jedem Radikalismus abgeneigten Konservatismus, dem beharrlichen Willen zum wirtschaftlichen Aufbau und zur Kapitalbildung. Auf der Passivseite dieser soziologischen Bilanz steht ein zunehmendes, aus der Angst vor dem harten Existenzkampf der Marktwirtschaft wachsendes Schutzbedürfnis, das die dynamischen Kräfte im Volkskörper zu lähmen droht, wenn ihm der Gesetzgeber zu sehr nachgäbe. Es drängt nach immer neuen Berufsordnungen, durch die man sich die Konkurrenz vom Leibe halten möchte. In der Landwirtschaft, die ja der Gesetzgeber aus politischen wie aus ökonomischen Gründen unter seinen besonderen Schutz genommen hat, ist in vielen Fällen wohl die Einsicht, aber nicht der Mut zur Produktionsumstellung vorhanden. Das verstärkt auch dort den Ruf nach zünftlerischem Schutz. Die durch die Reglementierung bedingte Sonderstellung der Landwirtschaft, die sie praktisch vor Konkursen schützt, hat den wirtschaftlichen Elan im allgemeinen eher beeinträchtigt als gefördert. Selbst die biologische Vitalität hat zum Teil schweren Schaden genommen. Die Geburtenkontrolle wird in den Dörfern heute vielfach rigoroser geübt als in den Städten.

Der sinkenden Beschäftigungszahl in der Landwirtschaft steht eine wuchernde Zunahme der Angestellten in den gewerblichen und kaufmännischen Berufen gegenüber. Von rund 2,6 Millionen im Jahre 1939 stieg die Zahl der Angestellten im Jahre 1953 im Bundesgebiet auf 3,9 Millionen. Das Zahlenverhältnis zwischen Angestellten und Arbeitern war 1871 im Reichsgebiet 1 :21. Es ist heute im Bundesgebiet 1 : 3. Von 1939 bis 1950 hat die Zahl der Angestellten im Bundesgebiet um 35 v. H. zugenommen, die der weiblichen allein um 44 v. H. Ihre wirtschaftliche Situation schwankt nach Branchen und Berufsschicksalen so sehr, daß sich generelle Feststellungen kaum treffen lassen. Das durchschnittliche Nettoeinkommen dieser Berufsschichten ist gegenüber dem Jahre 1938 fast auf das doppelte, nämlich auf 238 DM monatlich gegenüber 139 DM gestiegen, aber die Gegenüberstellung ist unvollständig, weil in ihr die inzwischen eingetretenen Preissteigerungen nicht berücksichtigt sind. Feststeht, daß sich innerhalb der gleichen Leistungsgruppen in den verschiedenen Branchen Einkommensschwankungen bis zu 50 v. H. ergeben. Die Industriegehälter halten sich ungefähr im oberen Drittel, die im Handel und in einem Teil des Gewerbes in der Mitte, auf der untersten Stufe stehen die Gehälter im Einzelhandel, in der Textilbranche, bei den Angestellten von Anwaltsbüros, des Glaser-, Tischler- und Dachdeckerhandwerks, überdies zum Teil auch der Exportbetriebe. Die besten Gehälter zahlen ihren Angestellten der Bergbau und die Metallindustrie; auch die chemische Industrie zahlt gute Gehälter.

Die Überbesetzung des Angestelltenberufs hat viele ältere Angestellte arbeitslos gemacht. Dirigistische Lösungsversuche brächten vermutlich mehr Nachteile als Vorteile. Hier könnte nach der Ansicht des Ministeriums Schäfer eher eine intensive individuelle Arbeitsvermittlung helfen. Man erwartet auch von der absinkenden Zahl der Schulentlassenen (920 000 im Jahre 1954 auf rund 580 000 im Jahre 1960), von der Verminderung des Berufsnachwuchses durch die Ausbildung der Wehrpflichtigen und der Einstellung von etwa 23 000 Angestellten in die Wehrmachtsverwaltung bessere Chancen für die älteren Angestellten.

In einer besonders schwierigen Situation sind die Krankenschwestern und ein großer Teil der Ärzte. Die ungünstigen Berufsbedingungen für die Krankenschwestern hatten zur Folge, daß deren Zahl von 124 000 im Jahre 1950 auf 101 000 im Jahre 1953 zurückging. Bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 60 Stunden, die in der Regel überschritten wird, einer sehr geringen Bezahlung bei teilweise mangelhafter Unterbringung müssen sie ihren schweren Beruf ausüben. Ähnlich ist die Situation bei den Fürsorgeberufen. Bei einer Bezahlung von 200 bis 350 DM (eine Arbeiterin in einer chemischen Fabrik bekommt im Durchschnitt um 100 DM mehr), einer wöchentlichen Arbeitszeit von mindestens 60 Stunden und der Gefahr, in dem Berufe nicht mehr verwendet zu werden, wenn sie einmal 35 oder 40 Jahre alt ist, ist die Fürsorgerin ähnlich wie die Krankenschwester eines gesetzlichen Schutzes bedürftig.

Bekannt ist die schlechte Arbeitsmarktlage für die Ärzte. Der Ärzteüberschuß in Westdeutschland wird auf etwa 70 000 geschätzt. Bis zum Jahre 1960 wird der Nachwuchs zahlenmäßig größer sein als der Bedarf, nämlich 2000 bis 2500 bei einem jährlichen Bedarf von höchstens 1200. Da die Ärzte durchschnittlich erst im 42. Lebensjahre zur Krankenkassenpraxis zugelassen werden, haben viele von ihnen Mühe, bis dahin selbst unter Hinnahme der drückendsten wirtschaftlichen Existenzbedingungen in ihrem Beruf arbeiten zu können. Hier wird der Gesetzgeber Maßnahmen gegen den Mißbrauch dieser Notlage durch die Krankenhäuser ergreifen müssen. Besorgniserregend ist auch die Situation in den „kulturschaffenden“ Berufen: für den Hochschulnachwuchs (Nichtordinarien), die angestellten Künstler und ähnliche Berufe. Gerade auf diesem Gebiet würden wir dem Osten gegenüber in eine für uns immer ungünstiger werdende Position geraten, wenn wir nicht wenigstens einen Teil der Anstrengungen machten, die gerade für diesen Personenkreis dort seit langem geschehen.

Die Altersversorgung für die Angehörigen der freien Berufe ist ein dringliches Problem. Zwangslösungen werden auch von den Betroffenen abgelehnt. Es wird eine neue Art des Sparens sowohl in der Form des Spar- wie des Versicherungsvertrages erwogen. Man denkt dabei an eine Änderung der Anlagevorschriften, damit sie den Erwerb von Aktien und Sachwerten an Stelle von Obligationen ermöglichen. Der Gesetzgeber wird sich wohl auch mit der Frage befassen müssen, ob man nicht die Pensionszusagen der Betriebe an ihre Angestellten übertragbar machen solle, um diesen das Hinüberwechseln in eine andere Firma zu erleichtern. Solche und viele ähnliche Anregungen dürften das Ergebnis der Untersuchungen sein, die das Ministerium Schäfer auszuwerten haben wird. Aber bis dahin wird noch einige Zeit vergehen.