In den letzten Jahren sind nicht weniger als fünf Briefwechsel Rilkes mit Frauen veröffentlicht worden: der mit Lou Andreas-Salome, mit der Fürstin Marie v. Thurn und Taxis, mit „Benvenuta“ (Magda v. Hattingberg), mit Lou Albert-Lazard und mit Frau Gudi Nölke. Jetzt sind, fast gleichzeitig, zwei weitere Briefwechsel hinzugekommen: der mit Katharina Kippenberg, Frau seines Verlegers, und mit „Merline“, die als Malerin unter dem Namen Baladine bekannt ist.

Was diese beiden neuen, umfänglichen Briefbände interessant macht, ist das scheinbar völlig verschiedene Charakterbild, das aus ihnen entsteht in bezug auf die Person Rilkes. Er selbst gibt sich beiden Adressatinnen gegenüber so unterschiedlich, daß man mitunter glauben könnte, es sei nicht der gleiche Mensch, der diese Dokumente des Geistes und der Leidenschaft schrieb. – Der

„Briefwechsel Rainer Maria Rilke – Katharina Kippenberg“ (Insel-Verlag, Wiesbaden, 727 S., 8 Bildtafeln und 2 Faksimiles, 24,– DM)

umfaßt die Zeit vom Januar 1910, als Rilke zum ersten Male Gast im Hause des Insel-Verlegers Anton Kippenberg in Leipzig war, bis zum Hinscheiden des Dichters im Dezember 1926. Von Brief zu Brief läßt sich verfolgen, wie sich die Beziehung zwischen der „Herrin der Insel“ und ihm ständig vertieft. Beide leben von einem gegenseitigen Geben und Nehmen – es ist eine intensive geistige Beziehung, die in fast lückenloser Folge Einblick gibt in das zeitbezogene Denken und Fühlen Rilkes, wie es in keinem der anderen Briefbände des Dichters so zutage tritt.

In der Empfindsamkeit ihrer Seele waren sich die beiden Briefpartner sehr nahe. Rilkes Konstitution war zart, und Frau Katharina schwebte zeit ihres Lebens zwischen Gesundheit und Krankheit. In ihr begegnete dem Dichter eine Frau, die höchste Sensibilität des Gefühls vereinte mit einem stark logischen Intellekt. War ihm in Lou Andreas-Salome eine leidenschaftliche Frau begegnet, die bei hohen Geistesgaben auch in ihrer Liebe die Psycho-Analytikerin nicht verbergen konnte, so nahte sich ihm Katharina Kippenberg mit einem warmen Herzen, das sie hinter ihrer Kühle verbarg.

Wie groß der Anteil der Inselherrin am Werden von Rilkes Werk ist, das zeigt sich vor allem in dem menschlichen Beistand, den sie dem Dichter in den Jahren des ersten Weltkrieges gewährte. Als Rilke in München zum Militärdienst eingezogen wurde, hat Frau Katharina nicht geruht, bis er wieder einer zivilen Tätigkeit zugeführt war. Sein Wirken als Lektor des Inselverlages in jener Zeit präsentiert sich in zahlreichen Briefen präzis-durchdachter literarischer Kritik. Doch gibt Katharina Kippenberg, die bis zu ihrem Lebensende im Jahre 1947 die maßgebliche Lektorin des Verlags blieb, dem Dichter darin nichts nach; an knapper Formulierung scheint sie ihm sogar oftmals überlegen. – Frau Katharina Kippenbergs Tochter, Bettina v. Bomhard, hat diesen Briefwechsel vorbildlich ediert und mit Anmerkungen und Personenregister versehen.

Spürte man dort immer noch die „heile Welt“, aus der die Briefpartner stammen, und erfuhr man die Brüchigkeit der Zeit als den Beginn des Neuen und Zukünftigen, so ist der Merline-Briefwechsel anders basiert. Er umfaßt nur die letzten Jahre vor Rilkes Tod: 1920 bis 1926, und ist ein ganz und gar persönliches Dokument. In dem Band