Der Vizekanzler und Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Franz Blücher, ist in einer seltsamen Lage. Da er gegen den Wunsch seiner Fraktion seine Stimme für das Saarstatut abgab, hat er das Vertrauen seiner Partei verloren. Seltsamer noch: er hat zwar seinen Rücktritt angeboten, aber nicht seiner Partei, die ihn kritisiert, sondern dem Kanzler, der mit ihm wohl zufrieden ist.

Blücher ist einer der Politiker der Nachkriegszeit, die spät, in der Tat erst nach dem Zusammenbruch, zur Politik kamen. Er ist von Haus ein Mann der Wirtschaft. Eigentlich wollte er, das jüngste Kind einfacher katholischer Bergleute aus Essen, Geschichte und Staatswissenschaften studieren, aber als er mit 18 Jahren das Abitur gemacht hatte, brach der Weltkrieg aus. Er meldete sich als Freiwilliger, wurde Offizier, an der Westfront schwer verwundet und gefangengenommen, und als er 1920 in die Heimat zurückkehrte, zwang ihn wirtschaftliche Not in den kaufmännischen Beruf. Er arbeitete sich rasch empor, schon nach einem Jahr erhielt er eine leitende Stellung, jahrelang war er im gemeinnützigen Wohnungsbau tätig, 1933 bis 1935 als Abteilungsleiter bei der Gemeinnützigen AG für Angestellten-Heimstätten (Gagfa), bis 1938 bei der Deutschen Bau- und Siedlungs-GmbH., und von 1938 bis nach Kriegsende war er Direktor eines Essener Bankhauses.

Der nationalsozialistischen Partei hat Blücher niemals angehört. So wurde er 1945 in den Bürgerausschuß seiner Heimatstadt gerufen. Er war Mitbegründer der Freien Demokratischen Partei in Essen und wurde 1946 Vorsitzender in der britischen Zone, er wurde in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt und im Kabinett Amelunxen zum Finanzminister ernannt, im Frankfurter Wirtschaftsrat war er Vorsitzender der FDP-Fraktion. 1949 kam er in den Bundestag und Konrad Adenauer ernannte ihn zum Vizekanzler und Bundesminister für den Marshallplan. Als Theodor Heuss das Amt des Bundespräsidenten übernahm, fiel Blücher der Vorsitz der Partei in der Bundesrepublik und Westberlin zu.

Es ist Blücher in den vergangenen sechs Jahren allerdings nicht gelungen, dem Amt des Vizekanzlers, über das das Grundgesetz nichts Näheres aussagt, ein eigenes Gesicht zu geben. Obwohl von Natur lebhaft, leicht entflammt und ein gewandter, gestenreicher, wenn auch nicht kraftvoller Redner, wirkt er neben der prägnanten Gestalt des Kanzlers weich, ein wenig farblos, zuweilen fast schülerhaft. Man kann sich schwer vorstellen, daß er jemals ein Gegenpol sein, jemals seinen Willen dem des entschlossenen alten Mannes ernstlich entgegensetzen könnte. Gewiß, es gab Meinungsverschiedenheiten, in der Frage der Mitbestimmung etwa, und einmal hat Blücher den Kanzler brieflich ermahnt, er möge von seiner "Ein-Mann-Politik" ablassen, aber eine Auseinandersetzung hart auf hart hat er stets vermieden. Ob es nur an Blücher liegt oder auch an der Persönlichkeit des Kanzlers und dem undankbaren Amte selbst, daß der Vizekanzler in der Bundesrepublik so wenig darstellt, wird man erst unter den Nachfolgern ganz beurteilen können. In der Tat fehlt dem Amt ein rechter Aufgabenkreis, und selbst wenn der Kanzler auf Urlaub ist, geht die Leitung der Geschäfte eher vom Schwarzwald oder dem Bürgenstock aus, als von seinem Stellvertreter in der Bundeshauptstadt. Sehr anerkannt wird Blüchers Leistung als Chef des kleinen Wirtschaftskabinetts, das die wirtschaftlichen Aufgaben der Bundesregierung koordiniert. Daß in den letzten Jahren wenig von den Gegensätzen zwischen der Wirtschafts-, Ernährungs- und Finanzpolitik geredet wurde, gilt als sein Verdienst. Aber mit dem Brachliegen des stellvertretenden Kanzleramtes wird die Chance verpaßt, eine Persönlichkeit, vielleicht mit dem Blick auf die Nachfolge, heranzuziehen und mit bedeutenden Aufgaben zu betrauen, wie dies etwa der Präsident der Vereinigten Staaten mit dem Vizepräsidenten Nixon tut.

Die seltenen Gelegenheiten zu selbständiger Leitung der Politik bei Abwesenheit des Bundeskanzlers hat Blücher nicht immer glücklich genutzt, den Amerika-Besuch im Frühjahr 1953 zum Beispiel. Da kam unter seiner Verantwortung mit großem Aplomb die Affäre Vulkan zum Ausbruch, die ein so ungewöhnlicher Mißerfolg war, daß damals schon ernstlich die Frage gestellt werden mußte, wie der Verantwortliche Vizekanzler und Parteivorsitzender bleiben könne. Ein Gericht hat inzwischen der Klage eines der damals von Blücher Beschuldigten stattgegeben und den Bund dem Grunde nach für schadenersatzpflichtig erklärt.

Das Verhältnis Blüchers Zum Kanzler ist bis heute harmonisch geblieben. Der Vizekanzler hat sich anscheinend damit zufrieden gegeben, im Schatten zu stehen und seine Autorität als Minister und Kanzlerstellvertreter, die er der Welt zukehrt, durch das Prestige des Regierungschefs zu stärken. Seine Parteifreunde allerdings bind weniger Zufrieden. Li seinem Heimatverband, Nordrhein-Westfalen, behaupten sie, man erkenne den Mann, der einst den Besatzungsmächten gegenüber manches tapfere Wort wagte, heute nicht wieder. Damals, nach dem Zusammenbruch, griff Blücher die Besatzungsmächte an, weil sie die deutsche Verwaltung zerstörten, er machte sie total verantwortlich, weil der Kontrollrat die totale Macht ergriffen hatte, er geißelte die Torheiten der Entnazifizierung, er erklärte: "Man mag uns das Wort Reich nehmen, in unserem Herzen bleibt das Bekenntnis zum Deutschen Reich!" Die Polen verlangten damals seine Auslieferung, weil er die Zone unter ihrer Verwaltung als deutsches Gebiet bezeichnete. Aber in den acht Jahren als Minister, so meint man in seiner Partei, habe er den Schwung verloren. Und weil er heute weniger zum Draufgängertum als zum Ausweichen neigt, haben intime Feinde seinen Ehrennamen in "Marschall Seitwärts" abgewandelt.

So hat Blücher beim rechten Flügel der FDP im Industriegebiet schon lange an Anhängerschaft verloren. Als er sich auch gegen den linken "liberalen" Reinhold Maier in Württemberg-Baden kehrte, war die Mehrheit gegen ihn zustande gebracht, die im März letzten Jahres auf dem Bundesparteitag in Wiesbaden statt seiner Thomas Dehler zum Vorsitzenden wählte, von dem man sich versprach, er werde die Spannung in der Partei fruchtbarer zu machen verstehen. Sie ist ja geschichtlich begründet in dieser "national-liberalen" Partei, die als Vertreterin des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert die Aufgabe zu lösen hatte, Deutschlands Einheit nach außen und Freiheit nach innen zu verwirklichen – eine Aufgabe, die nach dem Zusammenbruch von 1945 unserer Generation von neuem gestellt ist. Franz Blücher hat die Niederlage auf dem Wiesbadener Parteitag nie ganz verwunden, und der Kreis seiner Getreuen ist seither noch mehr zusammengeschmolzen.