Von Leo Nitschmann

Ost und West besitzen keine offiziell gemeinsamen Begriffe mehr. So erklärt sich auch die geradezu notwendige Sterilität jeder kulturellen Diskussion über die Grenze hinweg. Denn jedes Gespräch setzt eine definierte Sprache voraus. Ein Vertrauen in einen Menschen beginnt mit dem Selbstvertrauen zu dem, was er sagt. Mit der Zerstörung der Begriffe ist auch die Zerstörung des Vertrauens und die Zerstörung des verbindenden Elements der Sprache – ihrer eigentlichen Funktion verbunden. Der Bolschewismus hat die Gemeinsamkeit der Sprache zerstört. Das zeigt sich wieder einmal, wenn man die seit zwei Jahren in Ostberlin erscheinende „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ durchblättert. Sie bezeichnet sich als das Organ der philosophischen Forschung, Lehre und Diskussion in der DDR. „Sie empfängt ihren gesellschaftlichen Auftrag von den Massen der Arbeiter.“ Sie will „die Oberzeugung von der grundsätzlichen Erkennbarkeit der Welt und ihrer Gesetzmäßigkeit erhärten“. Damit dokumentiert sie bereits ihren hektischen Anspruch, der dann auch folgerichtig zur laufenden Vereinfachung, Umdeutung und Vergewaltigung des Denkens führt. Gleich auf den ersten Seiten wird dem Leser Stalin als der „größte Wissenschaftler unserer Epoche“ angepriesen. Kein einziger Beitrag vermag die wahrhaft unphilosophischen und dummen Seitenhiebe auf den Kapitalismus, den Imperialismus, auf die westliche Welt zu unterlassen. Ernst Niekisch findet als einziges stichhaltiges Kriterium für die abendländische Welt das Verhältnis menschlicher Über- und Unterordnung; und er folgert sogleich weiter, daß diese Ordnung nichts weiter sei, als die Aufrechterhaltung eines Systems von Ausbeutern und Ausgebeuteten.

Etwa 50 v. H. ihres reichlichen Umfanges widmet die Zeitschrift einschlägigen Themen des Marxismus. Marx und Engels vor allem werden immer wieder in geradezu lähmender Breite interpretiert – um nicht zu sagen wiedergekaut. Marx wird schlechthin als „der größte Sohn der deutschen Nation“ hingestellt und „seine revolutionäre Geistestat als Überwinder der klassischen deutschen Philosophie, die er durch die Schaffung des historischen und dialektischen Materialismus vollbrachte“, kann nicht genug gepriesen werden. Wir möchten es uns aber hier ersparen, näher auf diese Propagandaartikel einzugehen, die nicht das geringste mit Philosophie zu tun haben. Es hat keinen Sinn, die Dummheit zu widerlegen; um so weniger dann, wenn sie als solche überdeutlich erkennbar ist. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem dialektischen Materialismus – der offiziellen Staatsphilosophie – ist grundsätzlich unmöglich. „Der dialektische Materialismus hebt“ – wie Siegfried Landshut es auf einer Hamburger Tagung sagte – „die Möglichkeit zur Wissenschaft auf. Für ihn ist nicht Objektivität, sondern Voreingenommenheit die Voraussetzung.“

Die Zeitschrift ist ein einziges Musterbeispiel dafür, wie sehr die marxistische Ideologie nicht nur den Staat selbst, die Arterien der Politik, sondern auch die feinen und feinsten Verästelungen des geistigen und psychischen Gewebes zu infizieren versucht. Man stellt nicht nur Geschichte oder Soziologie auf den Kopf, sondern man verfälscht oder verdreht – um nur einige Beispiele zu nennen – die theoretische Physik, die mathematische Logik oder die Archetypenlehre. Dazu kann man z. B. lesen, daß bei „C. G. Jung, diesem Erzreaktionär, das Archaische nur bis zum Epigonentum reicht“. Offenbar um noch Schlimmeres zu verhüten, hat der Bolschewismus seit je die Erörterung über die Psychoanalyse überhaupt verhindert. Von der Naturwissenschaft ist Zu lesen, daß sie im Kapitalismus jede weltanschauliche und methodische Orientierung verloren habe. „Bewiesen“ wird das mit Thesen von Engels (1820–1895!) Man verdächtigt sein Großhirn, wenn man lesen muß: „Der immer rapidere Verfall der kapitalistischen Gesellschaft in ihrer imperialistischen Fäulnisperiode hat die Naturwissenschaft der bürgerlichen Welt in den Sumpf des Obskurantismus und des Pfaffentums gejagt.“ – So geschrieben in dem offiziellen Fachorgan der ostzonalen Philosophie. –

In dem umfangreichen Diskussionsteil ziehen sich zwei Themen durch alle Hefte. Einmal versucht man „Über Fragen der Logik“, zum anderen „Über philosophische Fragen der modernen Physik“ miteinander zu reden. Das sind zweifellos Themen, die von erregendem Interesse sind, eine Auseinandersetzung lohnen. Aber was kommt unter der bolschewistischen Sprach- und Denkregelung dabei heraus? Um es vorweg zu sagen: Es wird „Logik im Namen des Marxismus“ getrieben. Aber hier müssen wir doch weiter fragen: Wie sieht so etwas aus? – Die verschiedenen Beiträge gruppieren sich um die Beziehungen zwischen logischem Denken und Wirklichkeit – also entsprechend dem „literarischen Realismus“ soll ein „logischer Realismus“ aufgebaut werden. Wolfgang Harich erlaubt sich allen Ernstes die Feststellung, daß Denken ein Bewußtseinsvorgang sei. Er wiederholt damit das abgedroschenste und irrige Argument des seit fünfzig Jahren überholten Psychologismus, der den an die Gehirnfunktionen gebundenen Denkvorgang immerfort mit den Denkergebnissen, mit der logischen Grammatik verwechselte. Harich will uns glauben machen, daß das Denken – genauer die Struktur der Wahrheit, die Ordnung des Wissens und Erkennens – der Psychologie angehört. Wenn man hungrig ist, so produziert man also eine andere Wahrheit als bei vollem Magen. Es folgt dann sogleich der, „Beweis“, daß „die materialistische Psychologie, die bei der Erklärung der Denkvorgänge von Pawlows Lehre vom Zweiten Signalsystem ausgeht“, dies eindeutig erhärte. Hier schließt sich ein Stalin-Zitat an, das die „gesellschaftlichen Erscheinungen“ zum primären Ausgangspunkt des Philosophierens macht. – Immerfort wird Denken überhaupt mit dem subjektiven Interessenstreben, mit dem sozialen Anspruch des (klassebewußten) Funktionärs verwechselt. Es ist natürlich verstand; lich, daß man keine objektiven Schlüsse der Logik, auf die seit Aristoteles unser Vertrauen gründet, eine vom Zufall unabhängige Wahrheit zu formulieren, zuzulassen vermag; denn sie würden genügen, um den ganzen Unsinn der „Dialektik“ in drei Sätzen ein für allemal zu zerstören.

Die Tatsache, daß es ein Denken, d. h. Wahrheit überhaupt, geben kann, versucht man damit aus der Welt zu schaffen, daß man behauptet, es gebe kein Denken ohne denkendes Subjekt. Das ist natürlich richtig, wenn auch nur für Abc-Schützen. Denn damit ist genau das gesamte Fundament der wirklichen Logik – nämlich die Abtrennung des psychologischen Denkvorganges von dem objektiven Denkergebnis (der formalen Untersuchung darüber, ob eine Aussage oder eine Behauptung wahr oder falsch sei –, wie es jede große Philosophie des Abendlandes seit den Griechen vollzogen hat – zugunsten der geforderten klassenkämpferischen „Logik“ beiseite geschoben. Anders gesprochen: Für die bolschewistische Philosophie gibt es nur ein kapitalistisches, ein bürgerliches oder ein marxistisches Denken; aber es gibt für sie kein Denken auf die Wahrheit schlechthin. Das Erkennen ist der klassenkämpferischen Aktion untergeordnet, es hat ihr und nur ihr zu dienen. Diese Anschauung erfordert natürlich auch die Verdammung des Neukantianismus, der als „ideologische Mißdeutung des Logischen“ abgewehrt werden muß. Bereits diese Formulierung zeigt eindringlich, in welcher Weise das bolschewistische Philosophieren Kritik treibt. Noch eines ist ebenso bemerkenswert wie erschreckend: Auch die Aufsätze über logische Dinge werden immer wieder unterbrochen von Schimpftiraden und abgegriffenen bolschewistischen Funktionärsschlagworten über die „Monopolkapitalisten“, über die „Imperialisten aus den USA“, über die Gerechtigkeit der sowjetischen Rüstung“ und die „Verwerflichkeit der Waffen der kapitalistischen Staaten“.

Auf ausnahmsweise bemerkenswertem Niveau stellt Paul F. Linke (Jena) die Frage: Warum philosophische Wissenschaft? Er rührt dabei an eine sehr aktuelle Streitfrage: Ist Philosophie Wissenschaft oder nicht? Linke verteidigt – mit Recht – den Anspruch einer großen gegenwärtigen philosophischen Strömung, wonach die Philosophie vor allem anderen wissenschaftlich zu sein habe. Aber was wird dann aus der Phänomenologie, die ja gerade darauf aus ist, „Zeichen von etwas“ und nicht „abstrakt mathematisches Zeichen für etwas“ zu geben? Was wird aus Pascal, Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger, Gabriel Marcel und Sartre, die alle die wesentlichen Anliegen des Menschen ernst nehmen, um sie innerhalb philosophischer Gedanken zu integrieren? Was wird aus der Metaphysik (die einen Großteil der abendländischen philosophischen Tradition in sich schließt) und Religionsphilosophie? – Linke weiß sicherlich um die Verarmung des geistigen Bestandes, wenn es das alles nicht mehr gibt. Aber eben das kann er jenseits der Zonengrenze nicht eingestehen. So muß er erklären, daß die Existenzphilosophen, die „den Verzicht auf Wissenschaftlichkeit in der Philosophie zur Norm erheben“ (was objektiv unrichtig ist), „bereit sind, einen hohen Grad von Befangenheit zur Grundlage aller philosophischen Arbeit zu machen.“ Diese Befangenheit erklärt er als einen Mangel an Gewissenhaftigkeit, die für ihn als schwerer moralischer Vorwurf gegen diese Philosophie zu gelten hat.